Vor wem fürchten wir uns?

Ruth Zenkert

Friedensarbeit beginnt damit, den Gegner zu identifizieren, nicht die Falschen zu bekämpfen.

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht der Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!

Joh 20,19

Der christliche Sonntag ist im Judentum der Tag nach dem Schabbat, der erste Tag der Woche. Am Abend versammelten sich die Schüler Jesu, nachdem sie von einer Frau gehört hatten, ihr sei der Gekreuzigte erschienen. Sie hatten zwar das leere Grab gesehen, die Frau aber hatte ihn angeblich selbst zu Gesicht bekommen. Jesus sei auf sie zugegangen und habe sie mit ihrem Namen angesprochen. Interessant ist die Bemerkung im Evangelium, dass bei diesem Zusammentreffen die Türen verschlossen waren. Auch der Grund dafür wird angegeben: Aus der Furcht vor den Juden, sagt die Bibel in deutscher Sprache, sowohl in der alten als auch in der neuesten katholischen Übersetzung vom Dezember 2016. Im griechischen Urtext steht hier ein Genitiv, wörtlich müsste die Übersetzung also lauten: „… aus Furcht der Juden“. Damit kommt die Bedrohung von einer ganz anderen Seite. Nicht von den Juden sondern – von wem? Der tatsächliche Feind war damals die römische Besatzungsmacht, der gegenüber die jüdischen Bibelschulen zusammenrückten, aus Angst vor der realen Gefahr, die das ganze jüdische Volk damals bedrohte. Schließlich zerstörten die Römer im Jahr 70 Jerusalem. Der prächtige Tempel, den Herodes für die Juden erbaut hatte, ging in Flammen auf. Unsere Übersetzung aber macht nicht die politischen Machthaber, sondern die unterdrückten Juden zum Feind der Schüler Jesu, ebenso an zwei anderen Stellen im Johannesevangelium 7,13 und 19,38.

Die wörtliche Übersetzung des Genitiv – aus Furcht der Juden – ergibt Sinn, während sich in der übertragenen Übersetzung – aus Furcht vor den Juden – ein Feindbild verbirgt. Warum sollten die Schüler Jesu damals vor den Juden Angst haben, wo sie doch selber Juden waren und eine der vielen Schülergruppen eines Meisters bildeten? So wie es auch heute viele Bibelschulen, Jeschiwot, in Jerusalem gibt, die untereinander konkurrieren, um Gott zu suchen und der Welt den Frieden zu bringen.

Jesus tritt in die Mitte seiner Schüler, um sie auf den Friedensweg zu führen. Der Friedensdienst an der Welt soll ihre Aufgabe werden. Der erste Schritt wird sein, ungerechte Feindbilder zu entlarven. Wenn wir die Falschen zu Sündenböcken machen, wird es nicht zum Frieden kommen, sondern zur Diskriminierung im Namen der Religion. Das aber pervertiert den Friedensauftrag Jesu und jeder Religion.

Was hier als Übersetzungsvariante eines griechischen Genitivs harmlos erscheint, hatte quer durch die Kirchengeschichte bis hin zur Schoa schreckliche Konsequenzen. Kardinal König bekannte dazu, der religiöse Antisemitismus sei die tiefste Wurzel der politischen Katastrophe. Die neue deutsche Bibelausgabe wird hoffentlich noch viele weitere Verbesserungen erleben, die dem Frieden dienen. Für mich stellt sich in der Sozialarbeit oder in einer Familie die Frage: Wen diskriminieren wir zu Unrecht? An wen als Sündenbock haben wir uns schon gewöhnt, weil er sich nicht wehren kann oder weil wir es anderen nachreden?