Vor dem Angesicht Gottes, vor dem Angesicht des Menschen

Ruth Zenkert

Wo wendet sich Gewalt sich gegen sich selbst? Wo beginnt Gerechtigkeit?

Da sprach Gott zu Noach: Ich sehe, das Ende aller Wesen aus Fleisch ist gekommen; denn durch sie ist die Erde voller Gewalttat. Siehe, ich will sie zugleich mit der Erde verderben.
Gen 6,13

„Sag Sebi zu mir!“ sagte der neugewählte Bürgermeister, während er sich Gummistiefel und warme Jacke anzog. Dann gingen wir zum Cartier de ţigani, dem Zigeunerviertel. Schon beim ersten Haus packte er den Hausvater am Kragen. „Wir haben dir alles gegeben, was du brauchst, ein Haus, Kleidung, Lebensmittel. Wenn du deine Kinder nicht zur Schule schickst, bekommst du Probleme mit mir, mit mir persönlich!“ Hier werde ich wohl das Jugendamt einschalten müssen, überlegte er beim Hinausgehen. Wir sprachen mit einigen Familien, bestimmten, wer ein Kandidat für ein neues Haus sei, wer Baumaterial bekommen solle, und sagten Hilfe zu, wo es uns sinnvoll schien. Sebi, der Bürgermeister, liebt seine Leute, auch die Zigeuner, obwohl das hier riskant ist. Denn ein Politiker, der sich für diese Bevölkerungsgruppe einsetzt, bekommt von den anderen keine Unterstützung. Auf dem Rückweg bot er mir Räume im Gemeindehaus an, die nicht genutzt werden. „Für ein Sozialzentrum, wo ihr mit den Kindern Hausaufgaben macht. Vor allem jetzt, wo die Schulen geschlossen sind, und keiner am Fernunterricht teilnehmen kann. Sie haben keine Computer und kein Internet.“
Der Beschluss, dass wir mit der Gemeinde ein Sozialzentrum betreiben, wird nächste Woche im Gemeinderat offiziell verabschiedet. Unser Baumeister hat schon mit den Renovierungsarbeiten begonnen. Mit Sebi wird viel möglich sein, dieses Dorf hat eine Zukunft!
Ganz anders ein paar Dörfer weiter. Da saß ein Patron der alten Garde im Chefsessel, um ihn herum sein Team, alle unter einer Decke, bereichert durch Güter aus der „Privatisierung“ von Staatsbesitz. Seine Zusage, in das Cartier de ţigani – das gibt es hier in jedem Dorf – Wasser und Strom einzuleiten, hat er nicht eingehalten. Vor den Wahlen pflanzte er sich bei ihren Hütten auf und ließ alle herauskommen: „Ihr lebt alle hier ohne Dokumente. Eines sag ich euch, wenn ihr mich nicht wählt, lasse ich das ganze Viertel hier abreißen! Die Sozialhilfe werde ich euch streichen. Und ich werde herausbekommen, wer mich nicht wählt. Der hat hier kein leichtes Leben mehr.“ Alle meinten, dass er wieder Bürgermeister werden würde, er habe keine Konkurrenz. Welche Überraschung war die Nachricht am nächsten Morgen, dass er nicht mehr gewählt worden war! Ein Schock für ihn, eine Erleichterung für die Dorfbewohner. Jetzt ist der Weg offen für eine gerechte Politik und für eine bessere Zusammenarbeit mit uns.

Gott wendet sich persönlich an Noach, seine Hoffnung in der Katastrophe, die unabwendbar ist. Denn überall herrschen Korruption, Ungerechtigkeit und Gewalt, ein unseliges politisches Erbe. Die Gewalttätigkeit wendet sich nun gegen sich selbst. Die Hoffnung ist ein Bürgermeister, der seine Macht nützt, um den nichtsnutzigen Vater zu warnen und die Kinder zu schützen. Das verdorbene Leben muss enden, damit das neue beginnen kann. Es geht Hoffnung vom Angesicht Gottes aus, der den Menschen ihre Gewalttätigkeit vor Augen hält.

Wo wendet sich Gewalt sich gegen sich selbst? Wo beginnt Gerechtigkeit?