Von Träumen und der Stärke der Verbundenheit

Dominik Markl SJ

Trotz der Trennung gibt es die Erfahrung, dass Beziehung wirklich bleibt und Kraft gibt.
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun.
Johannes 15,5

Seitdem mein Bruder gestorben ist, habe ich oft von ihm geträumt. Von diesen Träumen spreche ich selten, geschweige denn, dass ich sie erzähle. Nicht, weil ihr Inhalt so sonderbar wäre. Vielleicht eher, weil ihnen weiterhin die geheimnisvolle Wichtigkeit innewohnt, die Beziehungen mit Geschwistern an sich haben; und weil es diese unbewusste Sorge gibt, der Zauber des Traumes könnte durch die Erzählung im profanen Alltag verloren gehen, das Realitätsempfinden des Traumes sich angesichts der „richtigen Wirklichkeit“ verflüchtigen. Schreiben aber ist stiller als Reden. So viel sei also hier verraten: Im Traum hat mein Bruder seine Krankheit überlebt. Meist ist er noch irgendwie von ihr geschwächt, aber doch, er lebt. Anfangs konnte ich es kaum fassen. Dass er da war, lebendig, war ein Wunder. Jetzt habe ich mich im Traum schon beinahe daran gewöhnt, dass er wiederkommt… Wenn ich darüber nachdenke, regt sich meine Neugier. Was träumen andere Menschen, die einen nahen Angehörigen verloren haben? In anderen Kulturen? Gibt es psychologische Studien dazu? Sicher, das wäre interessant zu wissen, denke ich mir dann, aber vielleicht ist es wichtiger, was die Träume in mir auslösen. Sie sind der intensivste Kontakt mit meinem Bruder, der noch weitergeht. Und die Stimmung, die zwischen uns lebendig ist, tröstet mich. Im Traum ist er ruhig, wie er auch im Leben war, und er gibt mir etwas von seiner inneren Ruhe mit.
Nicht ganz so überraschend vielleicht, aber irgendwie verwandt sind jene einsamen, stillen und glänzenden Momente, wenn mit einem Gefühl der Wärme die Erinnerung an eine Freundschaft auftaucht, von der mich Meere und Berge trennen, und sich über sie hinweg eine wirkliche Verbundenheit bemerkbar macht. Wie viele Menschen verbringen heute ihr Leben in mehreren Ländern, auf unterschiedlichen Kontinenten, und müssen ihre Familien und Freundschaften für lange Zeiten zurücklassen? Gibt es außer den virtuellen globalen Netzwerken auch ein Netzwerk der inneren Verbundenheit?

Es ist wohl eine der Urfragen der Religionen, wie unsere getrennten Beziehungen weiterleben: mit den verlorenen Eltern, den verlorenen Kindern. „Ich werde einmal zu ihm gehen, aber es kommt nicht zu mir zurück“, sagt König David von seinem toten Kind. Seelen? Geister? Scheol? Unterwelt? Himmel? Nirwana? Die Bilder und Worte sind vielleicht nicht entscheidend. Was zählt, ist die Erfahrung. „Getrennt von mir könnt ihr nichts tun“, sagt Jesus seinen Freunden – kurz bevor er in den Tod geht. „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“ Eine erstaunliche Gewissheit, später von seinen Freunden als Erfahrung niedergeschrieben, dass die Verbundenheit weitergeht und dass sie Lebenskraft gibt. Sie gründet in einer Geborgenheit, wie Karl Rahner vielleicht sagen würde, im ewigen Geheimnis. Trotz Trennung, Ferne und Sehnsucht gibt es auch die Erfahrung, dass Beziehung wirklich bleibt und Kraft gibt.