Von Sorgenkindern und Kindersorgen

Dominik Markl SJ

Sensible Kinder sind Seismographen.

Um jene zu heilen, deren Herz zerbrochen ist.
Jesaja 61,1

Wortlos steigen wir die Treppe zur Jugendpsychiatrie hinauf, während uns der Wiener Dezember-nebel in die Knochen kriecht. Nur um sieben Uhr könnten wir Max für eine halbe Stunde besuchen, hat mein alter Freund gesagt. Und ich kann es noch kaum glauben, dass sein Sohn, gerade erst dreizehn geworden, schon seit sechs Wochen hier sein soll. Er war immer ein aufgeweckter Bursch gewesen, Fußballspieler, mit lausbubigen Wangen und verschmitzten Augen. Ein besonders braver Schüler, gewissenhaft und musikalisch. Beim Elternsprechtag strahlten die Augen der Professorinnen am Gymnasium, wenn sie von ihrem lieben Max sprachen. Doch manchmal war er in einer betrübten Stimmung, glaubte irgendwelchen Ansprüchen nicht zu genügen, machte sich selbst – niemand sonst – unerklärliche Vorwürfe. „Vielleicht hat ihn der Tod vom Opa im Frühling überfordert,“ sagte mein Freund. Im Sommer war den Eltern aufgefallen, dass sich Max beim Essen sonderbar verhielt. Bald aber war es offensichtlich: Er war magersüchtig geworden. In skurrilen Szenen beim Frühstück versuchte er einzelne Cornflakes verschwinden zu lassen. Die Gedanken und Gespräche kreisten nur noch um Kalorien. Sein Zustand wurde zunehmend bedrohlich, die Nerven der Eltern lagen blank. Erstmals wurde daheim geschrien, erstmals war der Papa, sonst die Ruhe in Person, ausgezuckt. „Ich möchte ja wollen, aber ich kann nicht“, hat der Max in seiner Verzweiflung gesagt. Er sah sogar ein, dass er von daheim weg musste, als es mit seinen Kräften rapide bergab ging, und nur noch die Therapie an der Klinik blieb.

Als wir an die Tür kommen, empfängt Max seinen Papa heulend mit Bauchweh. Was, wenn er heute die Abendportion nicht schaffen würde? Auch mir ist zum Weinen zumute, wie ich da den wunderbaren kleinen Zeitgenossen als Häufchen Elend sehe.

Während ich verzagt heimwärts trotte, ärgere ich mich über die kitschige Krippe beim Christkindlmarkt. Jesus hatte keine blonden Locken, denke ich mir. Und keine verklärten, wachsig glänzenden Wangen. Wahrscheinlich war er ein bisschen überbegabt, ein bisschen übersensibel, hat den Eltern Sorgen gemacht. Wahrscheinlich hatte er schon früh ein Sensorium für die Tragik des Lebens, war ihm menschliche Härte unerträglich. Er war „religiös musikalisch“, und seine Seele wurde zum großen Resonanzraum, wenn er in der Synagoge die Worte des Propheten Jesaja hörte: „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Gedemütigten eine frohe Botschaft zu bringen und jene zu heilen, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung.“ Manchmal war er still und nachdenklich, und über ihm lag wie in einer großen Wolke von unerklärlichen Gefühlen, was er später in unauslöschliche Worte kleiden sollte.

Sensible Kinder sind Seismographen: der Familie, der Gesellschaft, der Menschheit. Wer weiß, wie tief die großen Fragen, die in der Luft liegen, in ihre Seelen dringen: Terrorismus, Klimawandel, globale Ungerechtigkeit? Zu Weihnachten darf Max heim. Vielleicht sind unsere Sorgenkinder besondere Christkinder.