Von Religion und Revolution

Dominik Markl SJ

Was hilft mir glauben – an die Menschheit, an das Gute, an das Leben?

Jesus erwiderte ihnen: Glaubt ihr jetzt?
Joh 16,31

„Exodus: Die Revolution der alten Welt“, betitelt Jan Assmann sein jüngstes Buch. Ein akademisches Leben lang hat er sich aus der Sicht des Ägyptologen und Kulturwissenschaftlers mit der Erzählung vom Auszug Israels aus Ägypten beschäftigt – er hält sie für „die wahrscheinlich grandioseste und folgenreichste Geschichte, die sich Menschen jemals erzählt haben.“ Hatte Assmann vor zwei Jahrzehnten in „Moses der Ägypter“ die These vertreten, mit der Exoduserzählung sei die „mosaische Unterscheidung“ zwischen wahr und falsch in die Religion eingeführt worden, setzt er nun einen anderen Akzent. Das eigentlich religiös Revolutionäre der Exoduserzählung sei die Idee der „Treue“, die in der Geschichte des Bundes zwischen Israel und seinem Gott entfaltet wird. Die Wahrheit der Exoduserzählung sei nicht auf der historischen, sondern auf der pragmatischen Ebene zu suchen. „Die Exodus-Erzählung schreibt nicht Geschichte, sondern sie macht Geschichte.“ Nicht nur Juden, auch „die Armenier, die Äthiopier, die Engländer … sowie Bewegungen wie der Protestantismus, … die Civil Rights Bewegung“ oder die lateinamerikanische Befreiungstheologie haben sich mit dem Exodus identifiziert, sodass er „zum narrativen Muster und Symbol grundlegender geistiger, religiöser und politischer Wenden überhaupt“ geworden ist.

Ein zentrales Stichwort in der Treue-Beziehung mit dem Gott des Exodus lautet hebräisch aman „glauben“, wovon sich auch das „Amen“ im Gebet ableitet. Zu „glauben“ bedeutet nicht, wie oft fälschlich angenommen wird, etwas Ungewisses intellektuell für wahr zu halten, sondern in einer Beziehung einem Versprechen zu vertrauen. Die Bibel erzählt die Geschichte Israels als Geschichte vom Gelingen und Misslingen des Glaubens. Nach diesem Vorbild ist auch das Johannesevangelium gestaltet. Erst nach vielen Erfahrungen von heilsamen Taten und Worten stellt Jesus seinen engsten Vertrauten die entscheidende Frage: „Glaubt ihr jetzt?“ Es braucht viele Aha-Erlebnisse bis ein Schatz von Erinnerungen wächst, der eine schleichende, innere Revolution des Glaubens in Gang setzt.

Schnell gehen hingegen pseudo-religiöse Revolutionen. Schnell sind Symbole ausgetauscht, Bilder gestürmt, Götzen verbrannt, heilige Räume gesprengt. Jahrtausende hat die Menschheit gebraucht, um dem menschlichen Gesicht auch in den härtesten Gesteinen lebendigen Ausdruck zu verleihen. Wer ein solches Götter-Gesicht pulverisiert – es dauert nur Sekunden – schlägt nicht nur einem Stück Stein, sondern gleichsam der Kulturgeschichte der Menschheit mit dem Vorschlaghammer ins Gesicht. Um wieviel mehr jedoch als alle assyrischen Statuen der Welt ist das Leben jedes einzelnen Menschen wert, dessen Kopf in einem Augenblick abgeschlagen ist?

In einer Zeit, in der eine Fratze der Religion für perfide Zwecke missbraucht wird, kann man Denkern wie Jan Assmann nur dankbar sein, wenn sie den Akzent darauf legen, was Religion wirklich ausmacht. Für mich lautet die Grundfrage in dieser Fastenzeit, der Zeit der Umkehr, der inneren Revolution: Was hilft mir glauben – an die Menschheit, an das Gute, an das Leben?