Von Menschenopfer zur Lebenshingabe

Dominik Markl SJ

Für wen setze ich mein Leben ein? Was ist die größte Liebe, die ich geben kann und möchte?
Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.
Johannes 14, 29 

Das schlagende Herz eines geopferten Menschen hielt ein aztekischer Priester täglich der Sonne entgegen, um die Gunst des Gottes Huitzilopochtli und die kosmische Ordnung aufrecht zu erhalten. Noch vor fünf Jahrhunderten opferten Inkas drei Mädchen auf dem über 6700 Meter hohen Vulkan Llullaillaco in den Anden. Ihre Mumien sind uns beinahe unverändert erhalten. Doch nicht nur bei Völkern Amerikas, sondern auch in vielen anderen Kulturen der alten Welt waren Menschenopfer verbreitet: bei den Skythen, den Galliern und in der nubischen Kerma-Kultur; in China schon seit der Jungsteinzeit. Auch wenn dies für uns heute vollkommen unvorstellbar ist, scheint es im frühen Stadium menschlicher Religionen ein weit verbreiteter Gedanke gewesen zu sein, menschliches Leben müsse geopfert werden, um die Gunst von Göttern zu erlangen.
Auch in biblischen Texten finden sich Hinweise, dass in Nachbarvölkern Israels Kinder dargebracht wurden, besonders für den Gott Moloch. Die Bibel wendet sich mit harten Worten gegen Kinderopfer – sie seien für Gott ein Gräuel. Eine Erzählung im Buch Genesis zeigt geradezu archetypisch die Überwindung des Menschenopfers. Gott fordert von Abraham, seinen einzigen, geliebten Sohn Isaak zu opfern. Abraham geht mit Isaak zu einem Berg im Land Morija und baut dort einen Altar. Als er Isaak festgebunden hat und das Messer nimmt, um Isaak zu töten, hält ihn ein himmlischer Bote zurück. Er erklärt Abraham, es sei nur darum gegangen, seine Gottesfurcht zu prüfen. An der Stelle seines Sohnes opfert Abraham einen Widder. Jeder erstgeborene Sohn gehört gemäß dem Alten Testament Gott; im Sinn der Erzählung der „Bindung Isaaks“ jedoch wurde im Jerusalemer Tempel stellvertretend für jeden Erstgeborenen ein Tier dargebracht.

Das Neue Testament dreht den alten Gedanken des Menschenopfers in gewisser Hinsicht um. Nicht nur, dass Gott kein Menschenopfer fordert, sondern Gott habe sich in Jesus, seinem einzigen, geliebten Sohn gleichsam selbst der Menschheit hingegeben. Jesus wird so zum göttlichen Liebesbeweis: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ Christen erinnern sich daran besonders in der Karwoche, aber auch bei jeder Messe. Obwohl das Christentum das alte Menschenopfer ganz hinter sich gelassen hat, geht es in seinem Zentrum weiterhin um die Frage des Lebens und der Hingabe: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“

An diese Worte hat sich der Franziskaner Maximilian Kolbe wohl erinnert, als er sich in Auschwitz stellvertretend für den Familienvater Franciszek Gajowniczek in den Hungerbunker sperren ließ, um dort zu sterben. Sein Mut und die Grausamkeit der Mörder scheint mir beinahe ebenso schwer zu fassen wie die alten Menschenopfer. Die Frage der Hingabe ist herausfordernd; sie berührt die Mitte der Existenz – ob sie sich nun religiös oder rein menschlich stellt. Für wen setze ich mein Leben ein? Was ist die größte Liebe, die ich geben kann und möchte?