Von Jugendliebe und Himmelsströmen

Dominik Markl SJ

Weihnachten gibt Zeit, sich an die entscheidenden Momente des Lebens zu erinnern, einen göttlichen Funken zu spüren.

Horch! Mein Geliebter! Sieh da, er kommt. Er springt über die Berge, hüpft über die Hügel. Der Gazelle gleicht mein Geliebter, dem jungen Hirsch.
Hoheslied 2,8

Es war kurz vor seinem sechzehnten Geburtstag, als seine Freundin von einem Gewalttäter tödlich verletzt wurde. Ihr blieben nur noch wenige Stunden. Sie hatten erst begonnen, ihre Liebe zu entdecken. Wenn sie sich heimlich unter den Eichen trafen, wo die Sonnenstrahlen durch die Blätter fielen, um auf ihren Gesichtern zu tanzen, schauten sie einander schweigend in die Augen. Einer blickte dem andern in die innerste Seele, und der Ausdruck der Gesichter sprach vom Glück, solche Schönheit sehen zu dürfen. Um sie herum entstand eine heilige Stille. Die Luft verwandelte sich in schwebende Schlieren von dichter Energie, als würden die ultravioletten Sonnenstrahlen flimmernd sichtbar. Es war ihnen, als flösse zwischen ihren Augen frei und ungestüm jener Strom, der das Universum zusammenhält. Bis in die Fingerspitzen war der ganze Leib lebendig, pulsierend durchflossen. Ihre Hände fühlten sich in seinen an wie Seide, ihre Finger, berührt von seinen Lippen, dufteten nach Zitronenblüten. Wenn sie aneinander dachten, fielen ihnen fröhliche Melodien ein und sanfte Worte. „Meine Taube“, nannte er sie, sie ihn „Gazelle“. Mein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes. Meine Lilie unter den Dornen. Vor dem Einschlafen, wenn er an ihre Augen dachte, weinte er vor Glück. Er kam gerade noch rechtzeitig, um ihre letzten Worte zu hören. „Vergiss nie, wie lieb ich dich habe“, sagte sie. „Zeig der ganzen Welt die Kraft, die uns verbindet.“

Es brauchte vierzehn Jahre, bis er die richtigen Worte fand. Dann begann er zu sprechen, von den Lilien des Feldes, von den Vögeln des Himmels, von der Energie, die das Universum zusammenhält. Von seinem Glauben, dass die Kraft, die Menschen und Welt verbindet, viel größer ist als die trennende Verrücktheit. Die Leute staunten, denn keiner sprach wie er. Und sein Ruf verbreitete sich in allen Ländern, seine Botschaft drang bis an die Enden der Meere. Seine Worte verhallten nicht im Nichts, sie erzählten sich weiter und weiter, wurden geschrieben, gemalt, gesungen. Sie verwoben sich in kulturelle Tiefenschichten. Allmählich wuchs unter den Menschen die Gewissheit, dass im Sprecher solcher Worte ein göttlicher Funke Fleisch geworden war.

Nun ja, die Geschichte von der Jugendliebe vor zweitausend Jahren ist frei erfunden. Aber es bedarf doch einer Erklärung. Irgendetwas muss geschehen sein in der Jugend jenes Menschen, von dem solche Wirkung ausgegangen ist. Dessen Augen uns bis heute aus den Ikonen anblicken, ruhig, tief, ein Blick in die Seele und in die Weiten des Himmels zugleich. Was hat Jesus zum Menschen werden lassen? Seine Jugend bleibt im Dunkel der Geschichte, in der Intimität seines Herzens verborgen. Weihnachten gibt jedoch Raum, die entscheidenden Momente meines eigenen Lebens ins Gedächtnis zu rufen, die mich zum Menschen werden ließen. Zeit, um den göttlichen Funken zu spüren und die himmlische Energie, die das Universum durchflutet.