Von Hausteufeln und Straßenengeln

Georg Sporschill SJ

In welche Welt zieht es dich und – wer trägt dich?

 
Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir.
Joh 17,11a

 

Florin kauft, repariert und verkauft Mobiltelefone. Sein Zimmer ist ein Ersatzteillager für alte Modelle. Das Geschäft blüht, vor allem weil jeder der Beteiligten glaubt, einen Gewinn zu machen. Nicht nur dieser Handel bringt Florin zu allen Leuten im Dorf. Er besucht seine Schüler, denen er Trommelunterricht gibt, sitzt bei den jungen Mädchen, bringt den Müttern etwas zum Essen. Er kennt alle Familien, weiß jeden Namen und wer mit wem wie verwandt ist. Über alles, was passiert, ist er informiert. Kein Wunder, denn er geht nach dem Morgengebet aus dem Haus und kommt oft erst in der Nacht zurück. In unserer Gemeinschaft war er fast nicht mehr präsent; weder übernahm er eine Aufgabe – Frühstücksdienst, Abspülen, Hausputz – noch war er zu den gemeinsamen Essenszeiten da.

Als wir gerade mit dem Abendessen fertig waren, raste er mit dem Fahrrad in den Hof. „Familie Cercea braucht wieder Kerzen, sie haben keinen Strom. Dem Adi muss ich ein Paar Schuhe bringen, Größe 37. Sind noch Konservendosen da?“, rief er mir im Vorbeigehen zu. Aus dem Kühlschrank aß er schnell ein paar Bissen, drei Brotscheiben steckte er in die Jackentasche und schon wollte er wieder weiter. „Irgendwann musst du dir auch Zeit für die Gemeinschaft nehmen“, ermahnte ich ihn. Aber das interessierte ihn nicht. Er schimpfte über einen neuen Volontär und dass es immer nur den faden Maisbrei gebe. Angelica fauchte er an, sie solle zum Teufel gehen. Das war zu viel. Ich bat ihn, eine Woche lang nicht in unser Haus zu kommen, bis er sich beruhigt habe. Er durfte auch nicht zum Morgengebet kommen. Doch genau in dem Moment, in dem wir die Fürbitten sprechen, schickte er immer ein SMS mit seinen Anliegen, für die Familien, für uns, für unsere Wohltäter.

Florin lebt ganz in seiner Welt der Straße, wo die vielen Kinder und Roma-Familien sind. Dort ist er wie Robin Hood und wie der Zigeunerhauptmann Bulibascha. Es fiel mir nicht leicht, ihn auszuschließen, weil er vielleicht unser bester Sozialarbeiter ist. Niemand taucht so tief in die Welt der Roma ein wie er, der selbst Roma ist und stolz darauf. Die Frage ist, wie wir ihn in der Gemeinschaft halten können. Er braucht den Rückhalt, und wir brauchen ihn in unseren sozialen Werken. Die Spannung zwischen innen und außen ist der christlichen Sozialarbeit eingestiftet. Jesus führte seine Schüler damals in die Welt der Heiden, in die Nöte der römischen Welt mit ihren vielen Göttern und ihren Sklaven. Heute sendet er uns in die Welt der Roma, die in Europa schwer Heimat und Arbeit finden. Hier müssen wir uns allein durchschlagen. Je mehr wir in die Welt eintauchen, in die wir gesandt sind, desto mehr trägt sie uns. Er, der uns gesandt hat, begleitet uns. Wir empfangen jenseitige Hilfe, die nötig ist, um eine Mission Impossible auszuhalten und daran zu wachsen.
Ein Mitbruder teilte die Jesuiten einmal in Hausteufel und Straßenengel ein. Florin würde eindeutig zu den Straßenengeln gehören.
So kannst du dich fragen, in welche Welt zieht es dich, und dabei wissen, dass du von einer anderen Welt getragen wirst.