Von Gotteskindschaft und Menschheitsethik

Dominik Markl SJ


Wer heute an Gott glaubt, ist zum Einsatz für Frieden herausgefordert.

Alles, was der Vater hat, gehört mir.

Joh 16,15

„Du bist funkelnd, schön und stark, die Liebe zu dir ist groß und gewaltig; deine Strahlen, sie berühren jedes Gesicht, deine strahlende Haut belebt die Herzen.“ So besingt ein Hymnus (in Jan Assmanns Übersetzung) den Sonnengott Aton, die erste monotheistische Gottheit der Geschichte der Religionen im 14. Jh. v. Chr. „Alle lebenden Pflanzen, die auf dem Erdboden wachsen, gedeihen bei deinem Aufgang; sie sind trunken von deinem Angesicht. Alles Wild tanzt auf seinen Füßen, die Vögel, die in den Nestern waren, fliegen auf vor Freude!“ Pharao Amenophis IV. hatte die Darstellungen der traditionellen Götter Ägyptens zerhacken, ihre Tempel schließen lassen und sich selbst zu Ehren seines Gottes „Echnaton“ genannt. Seine geistreiche Religion und Kunst hatten freilich auch ihre politische Seite. Obwohl alle Geschöpfe aus Atons lebendigem Strahlenstrom geschaffen sind, ist der einzige Mensch, der direkt mit Aton in Beziehung tritt, der Pharao selbst: „Ich bin dein Sohn, der dir wohlgefällig ist, der deinen Namen erhebt; deine Kraft und Stärke sind fest in meinem Herzen.“ Die einzigartige Gottessohnschaft des Pharao begründet seine uneingeschränkte Herrschaft. Die mächtige Priester- und Beamtenschaft der alten Götter hatte er mitsamt den Tempeln abgeschafft, neue, systemkonforme Leute eingeführt.

Dass Echnatons Monotheismus einen direkten Einfluss auf die biblische Religion hatte, wie es Sigmund Freud in seinem Werk „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ phantasievoll rekonstruierte, ist historisch eher unwahrscheinlich. Nach Echnatons Tod war seine Religion sogleich wieder verdrängt worden, und der biblische Monotheismus entstand erst einige Jahrhunderte später. Dennoch werden viele biblische Motive auf diesem Hintergrund erst verständlich. „Ich selbst habe meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg… Mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt“, sagt Gott im zweiten Psalm über Israels König, und das Neue Testament wendet diese Stelle auf Jesus an. Der historische Jesus jedoch ist – als „Jude am Rande“, wie John P. Meier ihn eindrücklich charakterisiert – geradezu ein Anti-Pharao: ein einfacher Mann vom Land, der in Konflikt mit den Autoritäten gerät. Auch wenn Jesus von seinen Schülern bald als einmaliger Gottessohn angesehen wird, bleibt es seine Lehre, Gott als „unseren Vater“ anzurufen. Die Demokratisierung der Gotteskindschaft gewann spätestens im Christentum einen Horizont, der sich der Menschheit insgesamt geöffnet hat.

Während die Praxis politscher Demokratie in Griechenland geboren wurde, stammt der aufklärerische Gedanke von der Gleichheit aller Menschen also letztlich aus dem biblischen Israel. Hatte Aristoteles die Unterscheidung von Freien und Sklaven als naturgegeben erklärt, half erst das „Vater unser“ der Idee der gleichen Würde aller Menschen die Bahn zu brechen. Der Glaube an einen einzigen Schöpfergott kann, rational betrachtet, nur zu einer Menschheitsethik mit einer globalen Friedensperspektive führen. Wer heute an Gott glaubt, ist herausgefordert, sich für Frieden einzusetzen.