Von göttlichem Zorn und menschlichem Wüten

Dominik Markl SJ

Mehr denn je braucht es Menschen, denen die Menschheit am Herzen liegt.

Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir.
Joh 17,9
Die Götter des alten Orients konnten leicht zornig werden. So berichtet uns Nabonidus, der letzte König Babyloniens, im sechsten vorchristlichen Jahrhundert, seine Vorgänger hätten unbefugt Tempel umgebaut. Schon nach kurzer Zeit kam Zerstörung über sie – ein typischer Ausdruck göttlichen Zorns. Die Götter waren nicht gerade pflegeleicht. Sie hatten die Menschen erschaffen, um sich die mühsame Arbeit abnehmen und sich bedienen zu lassen. Nun war es nur würdig und recht, dass sie, prachtvoll bekleidet, im Tempel täglich ein königliches Festmahl vorgesetzt bekamen: Brot, Fleisch, Bier, Öl, in Mengen und vom Feinsten. Die menschlichen Dienst-Rituale mussten peinlich genau eingehalten werden. Andernfalls war mit göttlicher Verstimmung zu rechnen, die in ausbleibendem Regen, Hungersnöten, Pest, verlorenen Kriegen und ähnlichen Kalamitäten Ausdruck fand. Nabonidus jedoch war nach eigenem Zeugnis ein zutiefst frommer König, seinem Mondgott Sin mit größter Devotion zugeneigt. Der König betätigte sich um der alten Religion willen sogar als Archäologe. Er ließ die Fundamente eines Tempels feststellen, um ihn präzis in seinen originalen, von der Gottheit gewünschten Dimensionen wiederherzustellen. Die Gunst der so zufrieden gestellten Götter brachte Segen über König, Stadt und Volk.

Der Gott des alten Israel, dem wir im Alten Testament begegnen, gehörte ursprünglich zu dieser Götterwelt. Auch die judäischen Geschichtsschreiber waren sich im Klaren darüber, dass es der Zorn ihres Gottes war, der im Jahr 587 v.Chr. Zerstörung über Jerusalem und den Tempel gebracht hatte. Das babylonische Heer des Königs Nebukadnezzar war nichts anderes als Gottes Streitaxt. Auch in Israel traten ergebene Gottesdiener für das Volk ein. Wenn der Hohepriester das Heiligtum betrat, trug er eine Brusttasche mit zwölf Edelsteinen, in welche die Namen der zwölf Stämme Israels eingraviert waren. So trug er das Volk auf seinem Herzen, zur immerwährenden Erinnerung vor dem Angesicht Gottes. König Salomo hatte schon bei der Inauguration seines Tempels für das Volk gebetet. Falls es sich versündigte und, von Feinden geschlagen, in fremde Länder verschleppt würde, möge Gott doch ihr reuevolles Gebet hören. Jesus betet nach der Darstellung des Johannesevangeliums vor seinem Tod für die Seinen in der Tradition der großen Fürbitter Israels. Sein Gebet bekommt angesichts der jüngsten Christenverfolgungen einen neuen Klang.

Das Gebet jedoch scheint nicht mehr so recht in die moderne Welt zu passen. Längst haben wir die Götter als Regenten der Völker verabschiedet, und selbst der eine Gott des Universums, der sich vor zweieinhalb Jahrtausenden aus der Vielgötterwelt herausgeschält hat, liegt seit einem Jahrhundert unter dem Verdacht, eine Projektion zu sein, auf der Couch der Psychologie. Doch da das Schicksal der Menschheit unweigerlich ineins zusammenschmilzt, könnte heute menschliches Wüten so viel Sorge bereiten wie einst göttlicher Grimm. Und mehr denn je braucht es Menschen, denen die Menschheit am Herzen liegt.