Von einem Versuch, Engel zu sehen

Georg Sporschill SJ

Barrieren lösen sich auf. Menschen bekommen stärkere Konturen. Es stärkt das positive Denken.

Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten.

Joh 20,12

Mittags zieht eine Karawane von Kindern von der Dorfschule in unser Sozialzentrum. Unterwegs reihen sich einige kleine wilde Gestalten ein, ohne Schultasche. Die Mädchen in unserer Haushaltsschule haben gekocht und servieren den Kindern eine Mahlzeit. Für die meisten ist es das erste und einzige Essen am Tag. Die Kinder drängen sich an die Tische. Immer gibt es Streit um die Plätze, wo zuerst ausgeschöpft wird. Und ich staune: Gerade die Schwierigen wollen neben Aron sitzen. Aron ist ein Volontär, der nach der Schule nicht so recht wusste, was er wollte. Er begann ein Studium, war aber schon nach wenigen Wochen nie mehr an der Uni. Seine Energie steckte er vor allem in den Widerstand gegen die Mutter. Und eines Tages fragte er, ob er bei uns mitarbeiten könne. Um dann hier seinen Protest gegen die Erwachsenen fortzusetzen. Morgens spielte er mit schlechtgelauntem Blick den Verschlafenen, grüßte nicht, hatte einen aufmüpfigen, rotzigen Ton. Einmal war es mir zu bunt, und ich ermahnte Aron, sich zu benehmen. Wenigstens „Guten Morgen“ zu sagen.

Gerne hätte ich einmal mit ihm über sein wirkliches Problem gesprochen, aber er ließ niemanden an sich heran. Und nun sehe ich, dass die wilde Bande an seinem Hemd zieht, sie wollen bei ihm sitzen, mit ihm essen. Diese Beobachtung hat mir geholfen, mit Aron umzugehen. Plötzlich sehe ich in ihm den Freund der Kinder. Sie spüren seine Kraft und Liebe, vielleicht auch, dass er sie deshalb so gut versteht, weil er selber schwierig ist. Plötzlich sah ich in Aron einen Engel. Er, der große Bruder, läuft nach dem Essen hinaus aufs Fußballfeld, die wilden Burschen folgen ihm.

Engel sind in den biblischen Sprachen – hebräisch, griechisch, lateinisch – einfach Boten, die modernen Sprachen unterscheiden zwischen himmlischen und irdischen Boten. Und doch ist es ein fließender Übergang zwischen den zwei Welten. „Lieber Gott, ich danke dir für den Engel neben mir“ beten unsere Straßenkinder mit Inbrunst und schauen dabei links und rechts auf ihre großen und kleinen Freunde und auf die Menschen, die sie gerettet haben. Sie spüren die Nähe Gottes in einer Familie, die ihnen geschenkt wurde, ihnen, die keine Familie hatten. Engel sind bei ihnen, Engel, die mit ihnen lernen, und Engel, die sie begleiten und selbstbewusst auftreten lassen. Das ist unmittelbare Gotteserfahrung, wie sie Geheilten geschenkt ist.

Maria Magdalena aber, die Frau, die Jesus so nahe stand, nachdem er sie von einer schweren psychischen Belastung geheilt hatte, sah zwei Engel in weißen Gewändern, „den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten“. Während die Frau Engel sah und die Botschaft der Liebe empfing, sahen Johannes und Petrus das leere Grab Jesu, die Leinenbinden und das Schweißtuch, und hielten diese äußeren Fakten im Evangelium fest.

Was ändert es in der Beziehung, wenn ich Engel sehen kann? Barrieren lösen sich auf. Menschen bekommen stärkere Konturen. Es stärkt das positive Denken. Ich sehe einen Menschen milder, barmherziger, hoffnungsvoller.