Von der Menschheit als Migrantin

Dominik Markl SJ

Wie wir reisen und zu Gast sind und wie wir anderen Migranten begegnen, zeigt unsere Haltung zur Menschheit.

Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben.
Joh 17,20

 

Als der Mensch vor vierzig Jahrtausenden nach Europa kam, war er Afrikaner. In Afrika ist Homo sapiens nicht nur geboren, sondern auch groß geworden, hunderttausend Jahre lang. Von jeher war der Mensch ein Wanderer, zog den Herdentieren nach. Und ein Läufer, an Ausdauer anderen Säugetieren überlegen. Er konnte Gazellen bis zur Erschöpfung hetzen und bloß mit einem Stein erlegen. Erst als die Wüsten Nordostafrikas und Arabiens zu grünen begannen, zog der Mensch über den Grabenbruch der Kontinente, zunächst nach Indien und bis nach Australien, dann nach Europa. In Europa traf Homo sapiens auf den Neandertaler, der bald darauf verschwand. Der Mensch wanderte weiter, am Ende der letzten Eiszeit über Sibirien nach Amerika. Als Migrantin erschloss sich die Menschheit die Welt. In Hochkulturen organisierte sich der Mensch in Tausendschaften, zog aus, um Länder zu erobern, Völker in die Flucht zu schlagen oder in die Gefangenschaft zu führen. Schon in der Antike wurden Millionen in fremde Länder zwangsdeportiert. Auch im Frieden trieb Hungersnot den Menschen in neue Teile der Welt. Wer bessere Chancen suchte, wurde zum Wirtschaftsflüchtling, floh aus dem Europa der harten Winter, aus den Alpen, aus dem Burgenland, aus Irland. Die sich heute Amerikaner nennen, waren zum großen Teil europäische Außenseiter und Wirtschaftsflüchtlinge. Nordmenschen raubten und verschifften Millionen Afrikaner nach Amerika, während sie die ursprünglichen Amerikaner in die letzten Winkel des Kontinents vertrieben.

Ihrem Wesen nach auf der Suche, auf der Reise, getrieben, gezwungen, gelockt, versinnbildlichte die Menschheit ihre Beweglichkeit auch in ihren Mythen. Über Meere geht der Mensch in der Odyssee, durch Meer und Wüste hindurch im biblischen Exodus. Abraham und Israel ziehen als Wirtschaftsflüchtlinge nach Ägypten. Als Volk von Flüchtlingen wird Israel zum Gottesvolk. Adam bleibt aus dem Paradies vertrieben, unstet, schweißgeplagt. Jesus ist ein Wanderprediger, sein Leben ein Weg nach Jerusalem. Am Jordan, am Grabenbruch der Kontinente, am Durchzugsweg der Menschheit, wo Israel ins gelobte Land zog, dort lässt sich Jesus taufen. Wenn er betet, richtet sich sein Blick auf die ganze Menschheit. „Geht zu allen Völkern …!“ Jüdische Diaspora, christliche Mission, islamische Expansion, Kreuzzüge, Missionsreisen verschränken sich mit Karawanen, Seidenstraßen, Kolonialisierung, Entdeckungen neuer Welten. Auch die Geschichte der Religionen ist eingeschrieben in die Geschichte der menschlichen Beweglichkeit.

Wir alle kommen aus Afrika. Die Menschheit ist ihrem Wesen nach Migrantin. Erst der moderne Nationalstaat hat Völker konstruiert, indem er kollektive Ängste in territoriale Staatsgehege zäunte. Eiserne Vorhänge, im Norden Ungarns vor wenigen Jahren abmontiert, sind nun im Süden des Landes mit Rasierklingen gespickt wieder aufgespannt. Wie wir selbst reisen und zu Gast sind, wie wir anderen Migranten begegnen, zeigt unsere Haltung zur Menschheit.