Von der Macht, Leben zu geben

Dominik Markl SJ

Wie kann ich mein bisschen Macht einsetzen, um Leben zu vermitteln?

Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben gibt.
Joh 17,2

Die beiden hatten sich seit langem ein Kind gewünscht. Im zweiten Monat der ersehnten Schwangerschaft starb das entstehende Wesen ab. Das Wissen darum, wie vielen es so ergeht, war nur ein schwacher Trost. Bei einer Reise nach Jerusalem deponierten sie ihren Wunsch an der Klagemauer – ein Zettelchen in der Frauensektion, eines in der Männersektion. Jetzt erwarten sie Zwillinge, einen Buben und ein Mädchen! Sei es himmlischer Humor, sei es ein Spiel der Natur, die erwarteten neuen Zeitgenossen verändern die Perspektive. So wunderbar das Aufblitzen dieses Lebensfunkens ist, so ist es doch nur ein erster Moment eines langen Abenteuers. Wie viel Liebe und Strenge braucht es, um so ein kleines Herz für das Leben zu stärken? Wie viele tausend Stunden von Nähe und Aufmerksamkeit? Billiger ist ein Mensch nicht zu haben, und nichts könnte teurer sein. „Mensch“ ist im Jiddischen ein Ehrentitel. Ein „Mensch“ ist ein ganz und gar menschlicher, verantwortlicher, Wärme und Weisheit ausstrahlender Mensch. Wie viele solche Menschen braucht man, um selbst ein echter „Mensch“ zu werden?

Die Entstehung des Lebens war in der alten Welt geheimnisumwittert und eine göttliche Sache. „Du hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass ich so furchtbar wundervoll bin; wunderbar sind deine Werke, meine Seele weiß es gar wohl“, so ein biblischer Beter. „Ich, nur ich töte, und ich mache lebendig, ich zerschlage und ich, nur ich heile, und keiner entreißt aus meiner Hand!“ So die göttliche Stimme im Heldenton im berühmten Moselied. Noch mehr war ewiges Leben Sache der Götter. „Ich hebe zum Himmel meine Hand und sage: So wahr ich ewig lebe!“ Menschen konnten an ewigem Leben teilhaben, wenn sie den Göttern nahe kamen – Pharaonen, Könige. Ihnen und durch sie vermittelten Götter Leben. „Er bestehe mit der Sonne und vor dem Angesicht des Mondes von Generation zu Generation“, sagt ein Psalm über König Salomo. Erst im zweiten vorchristlichen Jahrhundert taucht in der Bibel die Idee ewigen Lebens für viele auf, im apokalyptischen Buch Daniel: „Von denen, die im Land des Staubes schlafen, werden viele erwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zur Schmach, zu ewigem Abscheu.“ Diese „Demokratisierung“ des ewigen Lebens kulminiert im Christentum. Jesus, Handwerker von Beruf und freischaffender Lehrer, wird die Königswürde zugesprochen, all den Seinen göttliches, ewiges Leben zu vermitteln. Im Osterfest feiern Christen daher nicht nur das neue Leben des Auferstandenen, sondern die Berufung aller Menschen zu ewigem Leben.

So sehr sich in der neuen Welt die Doppelhelix in die Wahrnehmung des ‚Lebens‘ gedrängt hat, und so sehr es an manipulierbaren Molekülen hängt, so erstaunlich bleibt das Leben doch, wenn es wirklich auftaucht. Ich bewundere die Eltern unter meinen Freunden; ihren Einsatz, die fraglose Ausrichtung ihrer Lebensplanung auf ihre Kinder. Sie haben ihre Lebensmacht richtig investiert. Ein wenig Macht ist allen gegeben. Wie kann ich mein bisschen Macht einsetzen, um Leben zu vermitteln?