Von der Lust auf Leben und vom Mut, Neues zu denken

Josef Steiner

Das zeichnet besondere Menschen aus. Wer fällt mir dazu ein?

Gott, der HERR, ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzuschauen und köstlich zu essen, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.
Gen 2,9

Er war ein besonderer Mensch. Er liebte das Leben und genoss es in vollen Zügen. Er tauchte ein in die lange Ausbildung und das streng geregelte Leben einer Ordensgemeinschaft. Die Aufgaben, die ihm die Ordensleitung übertrug, ging er mit Elan an. Vor nichts und niemand hatte er Berührungsangst, weder vor den wilden Burschen in einem Heim für Schwererziehbare noch vor einer mühsam zu bändigenden Schulklasse im Gymnasium oder vor fragenden und manchmal provozierenden Studenten auf der Universität. Als einfühlsamer Seelsorger und kluger Pädagoge bewahrte er gefährdete Jugendliche und Menschen in Lebenskrisen vor Abstürzen und Irrwegen. Als Bibelschullehrer und Dozent führte er zehn Jahre lang ein bewegtes Leben zwischen Israel, der Türkei und Deutschland. Zweimal im Jahr verbrachte er jeweils drei Monate in intensivster Nähe und Gemeinschaft mit jungen Menschen, geprägt von schönen Erlebnissen, abenteuerlichen Reisen und gruppendynamischen Konflikten.
Dann ein Einschnitt. Getrieben von der Sehnsucht nach Liebe, Frauen und Kindern wechselte er die Lebensform. Er wagte den Schritt in die Ehe mit einer dreißig Jahre jüngeren Frau, wissend um die mit zunehmendem Alter immer härter werdenden Herausforderungen. Zwei Kinder, eines hörgeschädigt, eröffneten neue Dimensionen täglicher Verantwortung. Um seiner Berufung als Seelenführer und biblisch orientierter Priester treu zu bleiben, wechselte er auch die Konfession und wurde einer evangelischen Gemeinde ein guter Pastor. In den letzten Jahren seiner immer stärker werdenden Demenz waren Frau und Kinder liebevolle und diskrete Stützen und Begleiter.

Er war ein besonderer Mensch. Er liebte die Erkenntnis und suchte sie in der Bibel. Er erkannte die Zeichen der Zeit. Er sah die Gefahr, dass ein Christentum, das sich – wie im Laufe der Geschichte öfter geschehen – von der Wurzel der Bibel trennt, jede Leben gestaltende Kraft verliert und zu einem absterbenden und unfruchtbaren Baum wird. Ein Christentum, getragen nur noch von dogmatischen Formeln, moralischen Forderungen und ängstlichen Strukturen. Er aber betrat Neuland und öffnete jenseits von dogmatischem Denken das Tor zur Bibel als dem allen Völkern geschenkten Buch des Lebens. Noch während seines Studiums sammelte er Gleichgesinnte, um diesen notwendigen Paradigmenwechsel in der Interpretation der Bibel einzuleiten. In seinen Bibelschulen stellte er seinen Zugang auf ein breiteres Fundament. Fast tausend, vorwiegend junge Menschen nahm er in zehn Jahren auf ein dreimonatiges Abenteuer mit, um in einer Lebens- und Lerngemeinschaft einmal die gesamte Bibel zu durchwandern – leibhaftig, spirituell, existentiell. Sein großes Lebenswerk.

Er, Wolfgang, hat das Angebot Gottes angenommen, dass in der Mitte des Paradieses zwei Bäume stehen, beide eine besondere Augenweide und ein Gaumenschmaus. Von beiden Bäumen kostete er im Übermaß und genoss deren Früchte. Die Lust auf Leben und der Mut, Neues zu denken, sind sein Testament.