Von der Gefahr, eine Begabung zu verspielen

Ruth Zenkert

Wo muss ich klein anfangen und die Größe der anderen anerkennen?

Wenn du den Erdboden bearbeitest, wird er dir keinen Ertrag mehr bringen. Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein.
Gen 4,12

Erhobenen Hauptes schreitet der schöne Mann auf der Dorfstraße dahin. Ganz in Schwarz gekleidet, elegante Schuhe, Schnürlsamthose und der breitrandige runde Hut zeichnen ihn als Roma-Bürger aus. Mit leichter Arroganz ignoriert er die Dorfbewohner – die, die sich schwer tun und um das tägliche Brot kämpfen. Er ist auf dem Weg zur Tischlereiwerkstatt, dort will er beim Lehrmeister vorsprechen. Er beginnt das Gespräch damit, dass „Ruth und Pater“ sehr wünschten, dass er mitarbeite. Deswegen und weil er den Führerschein hat, erwartet er das doppelte Gehalt. Andrei, der Tischlermeister, freut sich; seit Jahren wirbt er um Kale, zu Deutsch „der Schwarze“, denn der ist begabt und könnte sein Assistent werden, vielleicht auch einmal sein Nachfolger. Doch er müsste von Grund auf lernen und sich hinaufarbeiten. Das wäre schnell möglich, lockt ihn Andrei, doch: „Beginne bescheiden, sonst werden dich die Kollegen nie respektieren.“ Kale nennt noch einmal seine Gehaltsforderung und seine Telefonnummer und verlässt die Tischlerei. Viele Chancen hatte ihm Andrei schon gegeben, immer wieder hielt sich Kale für zu gut dafür und zog verlockende Gelegenheitsjobs vor. Er war oft in anderen Ländern, um auf Märkten Kleider zu verscherbeln, auf Baustellen zu arbeiten oder um zu betteln.
Am nächsten Tag ist schlechte Stimmung in der Tischlerei. „Der Kale kommt daher und wird sofort als Chef eingesetzt, verdient dreimal mehr als wir und kann nicht mal ein Holz schleifen!“, empören sich die Tischlerbuben. Zu Recht. Dieses Mal läuft Andrei Kale nicht nach. Er hat verspielt. Hier im Ort gibt es keinen anderen Arbeitgeber. Kale wird sich eine Arbeit in der Stadt oder wieder im Ausland suchen müssen. Ruhelos wird sein Leben bleiben.

Der Ärger mit Kale war nicht neu. Schon einmal hatte er in unserer Tischlerei mitgearbeitet. Der Meister setzte große Hoffnungen auf ihn, weil er geschickt war und die Jugendlichen im Dorf zu ihm aufschauten. Er wäre ein Zugpferd für die anderen Lehrlinge gewesen. Doch er wollte sofort der Chef sein. Er hielt es nicht aus, dass es Victor, der schon länger in der Tischlerei lernte, zum Vorarbeiter gebracht hatte und er selbst ein Anfänger war. Und das mit einem Anfangsgehalt. Er wollte besser sein als die anderen. Kale warf alles hin und ging. Einmal kam er mit einem alten Auto aus Polen zurück und wollte es verkaufen. So landete er zum ersten Mal ins Gefängnis. Bald danach war er mit seiner Sippe wieder unterwegs, dieses Mal in Frankreich. Von dort wurden sie ausgewiesen. Das Herz tut mir weh, einen so begabten und schönen Menschen zu sehen, der unter dem Fluch steht: „Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein.“ Nur weil er nicht klein anfangen, weil er andere, die schon weiter sind, nicht aushalten kann.

Die Bibel beschreibt die Folgen des Hochmuts. „Wenn du den Erdboden bearbeitest, wird er dir keinen Ertrag mehr bringen.“ Ich muss nicht immer besser sein als die anderen, ich kann von ihnen lernen. Wo muss ich klein anfangen und die Größe der anderen anerkennen?