Von der Erdverbundenheit des Menschen

Ruth Zenkert

Der Glaube an das Göttliche hilft, niemanden aufzugeben und mit Feinden umzugehen.

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!

Gen 1,26 a

„Ist er das?“, fragte mich die Volontärin, als wir uns in Ziegental dem Brunnen näherten. Dort hantierte ein alter Mann mit einigen Milchkannen, die er auswusch und auf den Pferdewagen hievte. Tagelöhnerdienste, er verrichtete sie für einen rumänischen Bauern. Nun nahm der Alte einen Schluck aus der Bierdose. Ich grüßte ihn, und wir unterhielten uns ein wenig, über die Ernte in diesem Jahr, wie gut es sei, dass jetzt endlich eine Wasserleitung ins Dorf komme. Das ewige Warten am Brunnen, wo nur wenig Wasser fließe …

Die Volontärin war empört. „Mit dem redest du? Der ist doch ein Schwein!“, fauchte sie mit jugendlichem Zorn. Das stimmte. Und stimmte nicht. Auch ich war erschüttert von dem gewesen, was ich bei meinen ersten Begegnungen in Ziegental über den alten Mann gehört hatte. Jeder wusste es. Im Sommer ging er als Hirte mit den Kühen im Dorf auf die Weide. Seine Tochter begleitete ihn. Wenn sie im Herbst zurückkamen, war die Tochter schwanger. Seither lebten – ganz selbstverständlich – der Mann mit seiner Frau, der Tochter und drei Kindern in der kleinen Hütte. Ein Schwein. Wie hielt das die Tochter aus? Was sagte die Frau dazu? Nichts. Sie war in diesem Jahr gestorben. Nun kümmert der Mann sich um seine Kinder. Sie sind leicht behindert – wegen des Inzests? Wem würde es helfen, wenn er ins Gefängnis käme? Hier in diesem Dorf geschieht so viel Schreckliches, sind die Menschen so weit entfernt von dem, was wir an Moral und Zivilisation kennen. Wir können nur durch unsere Begleitung ein wenig Menschlichkeit spüren lassen. Vielleicht überträgt sich die Liebe, zumindest auf die Kinder?

Es ist unbegreiflich, was der alte Mann getan hat. Wie kann ich ihn als Mensch annehmen? Noch mehr: Wie soll ich in ihm ein Abbild Gottes sehen können? Hat er von Gott die gleiche Würde bekommen wie ich? Wo sind da die göttlichen Spuren? Ist Gott ein betrunkener Kinderschänder? Er hat doch gesagt: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!“ Der Mensch ist das Bild Gottes, anders übersetzt, eine Statue, die ihn in der Welt repräsentiert. Der Mensch darf und muss in Gottes Namen handeln. Der Psalm 8 beschreibt Würde und Aufgabe des Menschen: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße.“ Wir sind aber nicht gleich wie Gott, wir sind erdverhaftet. Das drückt der Name aus: Adam, hebräisch, ist abgeleitet von adamah, Erde. Der Mensch, das Abbild Gottes, ist ganz irdisch. Die Schöpfungserzählung zeigt in Adam die Spannung von göttlicher Größe und irdischen Grenzen.

In jedem Menschen, und wenn er noch so schmutzig, widerlich, verwahrlost ist, widerspiegeln sich die Gesichtszüge des Adam, des Menschen, oft verschüttet durch Missbrauch oder durch Gewalt entstellt wie beim gekreuzigten Jesus. Der Glaube an das Göttliche hilft, niemanden aufzugeben oder mit Feinden umzugehen.