Von Babel und Bibel, Terror und Frieden

Dominik Markl SJ

Kriecht das Terror-Tier aus den dunklen Winkeln menschlicher Möglichkeiten hervor – welches Bild steht ihm entgegen?

Als er zu ihnen sagte: Ich bin es!, wichen sie zurück und stürzten zu Boden.
Joh 18,6

 

Nebukadnezzar, der bekannteste König des alten Orients, eroberte im Sturm seiner ersten Regierungsjahre am Ende des siebten vorchristlichen Jahrhunderts die heutigen Gebiete von Syrien, Libanon, Israel und Palästina. Er baute Babylon zur Metropole aus. Die Stadt hatte etwa eine Million Einwohner, wurde mit enormen Mauer- und Grabenanlagen befestigt; die Prozessionsstraße führte durch das Ischtartor, flankiert von Löwen und Fabelwesen auf glasierten Ziegeln, schimmernd in gelb und blau, zum Tempel des Hauptgottes Marduk. Der Stufenturm überragte die Stadt. In Palästen und Tempeln waren die Prunkstücke eroberter Nationen zu bestaunen. An Nebukadnezzars Tafel saßen ihre gedemütigten Könige. Er durchzog das Land mit Mauern, die ihresgleichen nicht kannten, Mauern gegen die feindlichen Fremden. Nur bei der ägyptischen Armee biss er auf Granit. Er musste seine Politik auf Hatti-Land konzentrieren, die nördlich angrenzenden Gebiete. Juda und Jerusalem rückten so ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Stadt, inmitten zerfurchten Hügellands gelegen, wähnte sich in strategischem Vorteil, vor allem aber von ihrem mächtigen Gott mit dem geheimnisvollen Namen JHWH beschützt. Doch Nebukadnezzar nahm die Stadt nach einer Auflehnung 597 v. Chr. ein. Nach nochmaligem Widerstand wurde Jerusalem zehn Jahre später demonstrativ in Schutt und Asche gelegt, auch der Tempel, das Symbol der Selbstsicherheit der provinziellen Hügelbewohner.

Seine legendäre Berühmtheit erlangte Nebukadnezzar vor allem durch die Bibel. Aus ihrer Sicht war der glänzende Stratege und Bauherr ein König des Terrors. Seine Truppen kommen „mit Bogen und Sichelschwert, grausam sind sie und ohne Erbarmen. Ihr Lärm gleicht dem Brausen des Meeres, und sie reiten auf Rossen“, lesen wir im Buch Jeremia. „In Tränen vergehen meine Augen, mein Inneres glüht, meine Leber hat sich zur Erde ergossen wegen des Zusammenbruchs der Tochter meines Volkes, weil Kind und Säugling auf den Plätzen der Stadt verschmachten“, so die Klagelieder. Zwangsdeportiert an den fernen Euphrat, konnten sich Tausende Judäer nur an die schwelenden Reste ihrer Heimat erinnern. Um der traumatischen Wirklichkeit Widerstand zu leisten, ersannen sie Gegengeschichten wie jene von Daniel. Der junge Mann, mit Schönheit und Weisheit begabt, deutet dem König Nebukadnezzar seine Träume, kündigt ihm die Vergänglichkeit menschlicher Gewaltherrschaft an und die Unvergänglichkeit des Gottesreiches. Überwältigt wirft sich Nebukadnezzar vor Daniel nieder, wie vor einer Gottheit.

Das Johannesevangelium zeichnet ein ähnliches Bild von Jesus. Als ihn die römischen Besatzer gefangen nehmen, bringen seine einfachen, aber die Gottesstimme anklingen lassenden Worte „Ich bin es“ die Soldaten zu Fall. Jesus besitzt keine Waffen, allein seine Persönlichkeit wirkt, seine betroffen machende Menschlichkeit, die jenseitige Macht spürbar werden lässt. Kriecht das Terror-Tier aus den dunklen Winkeln menschlicher Möglichkeiten hervor – welches Bild steht ihm entgegen?