Von Ängsten gequält

Ruth Zenkert

Wenn eine Beziehung zerstört ist, was kann ich noch tun? Mit wem kann ich reden? Wem kann ich mein Leid klagen?

Siehe, du hast mich heute vom Erdboden vertrieben und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der Erde sein und jeder, der mich findet, wird mich töten.
Gen 4,14

Samstagabend. Die Volontäre und Kinder haben miteinander Spagetti gekocht. Al dente, mit sehr viel Knoblauch, ein bisschen zu viel Chili vielleicht. Alle sind begeistert und schlingen die gute Pasta hinunter. Maria faucht zunächst, dann trinkt sie Wasser, schiebt den vollen Teller weg. „Du hast ja auch nicht mitgeholfen, dann kann es dir nicht schmecken“, sagt der kleine Ovidiu mit vollem Mund. Sie schaut angewidert weg. Als die Kinder den Tisch abräumen und abwaschen, ist Maria schon draußen. Benedicta holt sie zurück, denn Maria hat heute Dienst beim Geschirrspülen und sollte für die Kleinen ein Vorbild sein. „Ich komm nicht mehr, hier gibt’s nur Regeln und Dienste und das Essen ist schrecklich“, murmelt sie trotzig und geht unwillig ans Spülbecken. Am Sonntag Mittag sind alle gerüstet für einen Frühlingsspaziergang. Die Großen werden in den Büschen Schokolade verstecken, damit die Kinder eine Freude haben. Und Maria muss wieder einmal aus dem Zimmer gezerrt werden. Sie habe Bauchweh und könne nicht mit, schreit sie durch den Hof. Damit sie die fröhliche Stimmung nicht verdirbt, lassen wir sie zuhause. Am Nachmittag rede ich mit ihr. „Maria, wenn du hier gar nichts mitmachst und nur unzufrieden bist, dann ist es doch besser, du gehst wieder nach Hause.“ Egal wohin, aber nur nicht hier, ist ihre Reaktion. Alles und alle gehen ihr auf die Nerven. Ich schaffe es nicht, mit ihr zu reden. Sie schweigt, schaut auf den Boden, grinst hochmütig. So kommt die Schülerin die nächsten Wochenenden nicht mehr zu uns. An den Werktagen ist sie in der Stadt im Schülerwohnheim, am Freitag fährt sie in ihr Dorf, Ţichindeal. Bei den Eltern wohnt sie nicht, da ist kein Platz, alles ist schmutzig und verwahrlost. Das schafft sie nach den Jahren im schönen Heim nicht mehr. Sie haust bei einer Freundin, zieht mit ihr bis spät durch die Gegend, absolute Freiheit. Aber zu essen gibt es nichts als harte Polenta. Und die Burschen verfolgen die Mädchen, bedrohen sie, gerade noch kommen sie davon. „Nächstes Wochenende erwischen wir euch!“, lassen sie ihnen ausrichten. Und der Vater der Freundin will Geld von ihr. Maria hat Angst. Wo kann sie unterkommen? Sie schreibt mir eine Nachricht: Bitte, können wir sprechen? Dann schüttet sie ihr Herz aus. Es ist eine einzige Klage. Sie habe alles zerstört, ihre Eltern sähen sie nicht mehr als ihre Tochter an, auch uns habe sie enttäuscht. Sie habe niemanden mehr, zu dem sie gehen könne. Sie brauche Schutz.

Lange hat Maria unsere Gemeinschaft auf die Probe gestellt, bis die Bindungen zerrissen. Die Warnungen, dass es so kommen würde, hat sie nicht gehört. Jetzt realisiert sie ihre dramatische Situation. Sie klagt, sie ist verzweifelt über sich selbst. Aber ich kann wieder mit ihr reden. Wird sie wieder zu uns finden, nach allem, was sie zerstört hat? Hoffentlich macht ihre Klage einen neuen Schritt möglich.

Wenn eine Beziehung zerstört ist, was kann ich noch tun? Mit wem kann ich reden? Wem kann ich mein Leid klagen?