Vom Umgang mit Katastrophen

Ruth Zenkert

Wer ist schuld und wer ist verantwortlich – eine Unterscheidung.

Die Soldaten, ihre Befehlshaber und die Gerichtsdiener der Juden nahmen Jesus fest und fesselten ihn.

Joh 18,12

Iulian stürmte in die Sitzung; „Florin ist schuld! Er hat die Kinder rausgelassen!“ Er war so aufgeregt, dass er nichts Weiteres erklären konnte. Von draußen hörte ich Florin: „Das war Cristina!“ Andere kamen dazu und riefen durcheinander. Langsam hörte ich heraus, was passiert war: Nach dem Mittagessen waren Paula und Ionela in der Musikschule gewesen. Da tauchte ihre große Schwester Cristina auf und fragte, ob die Kleinen herauskommen könnten. Nein, sie hätten Musikunterricht, danach gerne, antwortete Florin. Da Cristina insistierte, „nur eine Minute“, gab er nach und holte die beiden aus der Stunde. Er sah, wie die Mädchen sich begrüßten. Da fuhr ein altes Auto vor, Cristina schob die beiden auf die Rückbank, und das Auto fuhr davon. Gekidnappt! Wenige Minuten später war Anca, die Mutter, da, sie hatte offensichtlich alles beobachtet und geduldet.

Sofort kam mir in den Sinn, dass Anca die Entführung eingefädelt hatte. Sie wollte nicht, dass die Kinder in die Schule gingen und in eine andere Welt hineinwuchsen. Oder hatte die lethargische Frau die Kinder verkauft, weil sie Geld brauchte? Ich ging zu ihr. Umringt von den drei Kleinsten, schwanger mit dem nächsten, lag sie hustend auf der Bank, aus dem Ofen qualmte es heraus. Ich stellte ihr tausend Fragen, bekam aber keine richtige Antwort. Immerhin gab sie mir die Telefonnummer von Cristina – kein Signal. Sie sei am Berg bei den Schafen. Es sei besser für die Kinder, wenn sie bei Cristina seien, murmelte Anca. Und warum habe sie, die Mutter, das zugelassen? Verzweifelt verließ ich die trostlose Hütte. Warum hatte ich der Mutter nicht mehr Rückhalt gegeben? Warum hatte sie so wenig Vertrauen zu mir, dass sie in ihrer Not nicht zu uns gekommen war und um Hilfe gebeten hatte? Wer war jetzt schuld, dass die Mädchen verschwunden waren?

Statt den Schuldigen zu suchen, wäre es besser, zu fragen, wer für das Verschwinden der Mädchen verantwortlich war. Frage ich nach der Verantwortung, dann stoße ich nicht auf einen Einzelnen, sondern auf ein ganzes Netz. Genauso war es, als Jesus festgenommen wurde. Das Evangelium berichtet differenziert: „Die Soldaten, ihre Befehlshaber und die Gerichtsdiener der Juden nahmen Jesus fest.“ Ein politisches System legte Jesus in Fesseln, staatliche und religiöse Obrigkeit arbeiteten zusammen. Machtträger waren Pilatus, der römische Statthalter, seine Kommandeure und Soldaten, beteiligt waren aber auch Mitglieder der jüdischen Tempelpolizei. Das Evangelium beschreibt die vielfältige Verantwortung der Juden genauso wie die der Nicht-Juden. Trotzdem wurden die Juden in der christlichen Religionsgeschichte über viele Jahrhunderte als „Gottesmörder“ gebrandmarkt.

Die Frage nach der Schuld produziert Opfer. Die Frage nach der Verantwortlichkeit zeigt uns jene, die etwas lernen können. Verantwortung öffnet den Blick auf das Neue, das aus der Katastrophe entsteht.

Viele waren an der Entführung beteiligt. An ihrer Veränderung müssen wir arbeiten, um die Kinder zu retten.