Unzertrennlich

Josef Steiner

Gute Taten und außergewöhnliches Verhalten rufen Widerstände hervor. In schweren Situationen Solidarität zu erleben, ist ein Geschenk.

Wer mich hasst, hasst auch meinen Vater.

Johannes 15,23

Die beiden Brüder Sussja und Elimelech – sie wurden später beide große Führer in der jüdischen Bewegung des Chassidismus – zogen in ihrer Jugend miteinander drei Jahre lang durch das Land, arm und mittellos, ganz auf die Annahme und Gastfreundschaft der Menschen angewiesen. Sie wollten allein durch ihr gewaltloses und armes Leben ein Beispiel geben und die Menschen aufwecken und bekehren. So kamen sie einmal in ein Gasthaus, in dem gerade eine Hochzeit gefeiert wurde. Die Festgäste waren raue Burschen und hatten zu vorgerückter Stunde schon über die Maßen getrunken. Sie waren immer wieder auf neue Späße aus und die armen Wanderer kamen ihnen da gerade recht. Kaum hatten sich die beiden in einem Winkel niedergelegt, Rabbi Elemelech an der Wand und Rabbi Sussja vor ihm, kamen die übermütigen Männer, packten den vorn liegenden Sussja, traktierten ihn mit Schlägen, peinigten ihn mit verletzenden Worten und warfen ihn zurück auf seine Schlafstätte. Elimelech hatte es verdrossen, unbehelligt auf seinem Sack und Bündel zu liegen und hilflos allein seinen Bruder leiden zu sehen. Darum sagte er zu ihm: „Lieber Bruder, lass mich doch an deiner Stelle liegen und leg du dich an die Wand.“ Sie tauschten die Plätze. Als die Burschen ihren Tanz beendet hatten, wollten sie den früheren Spaß wieder aufnehmen und legten schon Hand an den vorne liegenden Elimelech. Aber einer von ihnen rief: „Das ist nicht recht, auch dem anderen an der Wand muss unsere `Ehrengabe` zuteil werden.“ So zogen sie Sussja aus der Ecke hervor, versetzten ihm eine neue Tracht Prügel und schrien: „Auch du sollst ein Andenken an die Hochzeit bekommen.“ Danach sprach Sussja lachend zu Elimelech: „Sieh, lieber Bruder, wem Schläge beschert sind, den finden sie, wohin immer er sich hintut.“

Jesus hatte ein einfaches Projekt. Er wollte das Geschenk an sein Volk, die Bibel und das darin verdichtete Menschenbild, allen Völkern weitergeben und ihnen einen Zugang dazu verschaffen. Die Bibel nennt das, allen Menschen die Tür zum Reich Gottes aufzutun. Dieser Neuansatz verletzt Altes, stellt es in Frage, führt zu Aggressionen und Widerständen. Jesus erfuhr genügend Widerstand, die Bibel nennt es Hass. Die Dämonen der Gewalt und eines entwürdigenden Menschenbildes fürchteten um ihre Vorherrschaft. Die Verantwortlichen in der Religion fürchteten den Verlust ihrer Einmaligkeit und die Auflösung ihres Glaubens. Die politisch Verantwortlichen, die Römer, sorgten sich um die Ruhe im Land. In dieser Bedrängnis wusste sich Jesus von der Solidarität mit seinem Vater im Himmel getragen. „Wer mich hasst, hasst auch meinen Vater.“ Denn der Gott der Bibel ist gut und will das Gute. Genau wie Jesus.

Gute Taten und außergewöhnliches Verhalten rufen Widerstände hervor. In schweren Situationen Solidarität zu erleben, ist ein Geschenk. Die beiden Brüder haben das erlebt und auch Jesus mit seinem Vater. Wer geht mit mir, wenn es schwierig wird?