Unter einem Dach

Josef Steiner

Mit Tieren leben und für sie sorgen

Allen Tieren der Erde, allen Vögeln des Himmels und allem, was auf der Erde kriecht, das Lebensatem in sich hat, gebe ich alles grüne Gewächs zur Nahrung. Und so geschah es.

Gen 1,30

Kindheitserinnerungen. Menschen und Tiere unter einem Dach, Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude – bei uns hieß es seiner hauptsächlichen Bestimmung entsprechend „Futterhaus“ – nur durch einen schmalen, fensterlosen, finsteren Gang getrennt. Beim Eingang des Stalles links die Schweine, Mutters Lieblingstiere. In der Speisekammer neben der Küche stand ein großes hölzernes Gefäß, in dem alle essbaren Speisereste, vor allem Kartoffeln, Rüben, Getreide, Obst, Gemüse, als Futter für sie gesammelt wurden. Es ging ihnen gut. Aber einmal im Jahr, in der kalten Winterzeit, kam für das größte von ihnen der Tag der Schlachtung. Ein Trauertag für die Mutter. Als wir Kinder größer wurden, durften wir von einem Fenster der Stube aus zuschauen. Wie der Vater und der Metzger, ein liebenswerter und sanfter Onkel, das fürchterlich laut greinende Schwein aus dem Stall in den kalten Schnee zerrten; wie der Onkel den Schussapparat auf die Stirn des Schweines setzte, ein Knall und es lag mit allen Vieren auf dem Schneeboden. Wenn wir am Abend des Schlachttages ein Schnitzel aßen, wussten wir, wer dafür sein Leben hatte geben müssen.

Neben den Schweinen, den größeren Teil des Stalls einnehmend, Kälber, Rinder und fünf Kühe, Pinzgauer Rasse. Jede Kuh hatte einen Namen und einen ausgeprägten Charakter, der uns Kindern besonders beim Hüten auffiel. Die „Elsa“ ein zähes Luder, die sich auch nicht durch zornige Schläge eines Kindes zu einer schnelleren Gangart treiben ließ. Dagegen die „Braune“, die schönste von allen, selbstbewusst und anhänglich, auf ihr durften wir Kinder sogar reiten. Wieder anders die „Wanda“, ein rauflustiges Tier, aggressiv und bockig. Von den Kühen bekamen wir Milch, Butter und Käse für den Alltag, manchmal beim Verkauf eines schönen Rindes auch etwas Geld. Für sie mussten wir die Hauptarbeit auf dem Bauernhof verrichten. Zweimal im Jahr  die Grasfelder im Tal mähen, das Heu zum Trocknen aufhängen und im Heustadel lagern. Alles mit der Hand und ohne technische Hilfsmittel. Das Leben mit den Kühen benutzen die Eltern auch, um uns in die Geheimnisse von Zeugung und Geburt einzuführen. Unvergesslich das Erlebnis bei der Geburt eines Kälbleins, wie der Vater um die sich langsam zeigenden Vorderfüße, zwischen denen der Kopf des kleinen Tieres herauslugte, ein dünnes Seil wand und kräftig ziehend Geburtshilfe leistete. Wie das Kalb in die Kuh kam, wurde uns durch die Mitnahme zur Besamung beim Gemeindestier zu vermitteln versucht. Es war interessant zuzuschauen, aber wozu, wurde mir nicht klar. Und geredet wurde ja nicht. Erinnerungen an ein unaufgeregtes Miteinander von Menschen und Tieren, an gegenseitiges Geben und Nehmen.

Die Bibel bezeugt Gottes Fürsorge für die Tiere. Der Ertrag des Landes soll ihnen zur Nahrung dienen. Legebatterien und Käfigeier, Schlachthäuser und Schlachthöfe sind ihr ebenso fremd wie saisonale Designerkleidung für Hunde und Gourmet Menüs für Katzen.