Und noch einmal sage ich: Freut euch!

Ruth Zenkert

Von guten Mächten, die unser Herz stärken.

So seid auch ihr jetzt bekümmert, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude.
Joh 16,22

Aus der Gefängniszelle in Berlin-Tegel, an die Verlobte: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“ Einige Tage später, an einen Freund: „Heilig Abend 1943. … Ich habe in großer Dankbarkeit daran gedacht, dass Ihr heute zusammen sein könnt. … Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch gar nicht versuchen … denn wenn die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. … Je schöner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich. Man muss sich hüten, in den Erinnerungen zu wühlen, sich ihnen auszuliefern, wie man auch ein kostbares Geschenk nicht immerfort betrachtet, sondern nur zu besonderen Stunden und es sonst nur wie einen verborgenen Schatz, dessen man sich gewiss ist, besitzt; dann geht eine dauernde Freude und Kraft von dem Vergangenen aus.“ Drei Monate später wurde Dietrich Bonhoeffer, der Autor dieser Briefe, gehängt.

Wie schafft es ein Mensch, der unter schrecklichen Bedingungen im Gefängnis ausharrt, von Freude, ja von dauernder Freude, zu reden? Wie Paulus, der aus dem Gefängnis in Rom an seine Freunde schreibt: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! … Der Herr ist nahe.“ (Phil 4,4). Jesus sieht seinen Tod vor sich und sagt gerade in dieser Angst zu seinen Schülern: „Dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude.“ Hier zitiert Jesus den Propheten Jesaja. Der ermutigt das Volk Israel, als es in der Verbannung fern der Heimat lebt. Jesaja weiß, Gott wird es aus dem Elend herausholen. „… dann wird euer Herz sich freuen und ihr werdet aufblühen wie frisches Gras“, (Jes 66,14). Bewundernswert ist, wie hoffnungsvoll Jesaja, Jesus, Paulus und Bonhoeffer in ihrer trostlosen Lage bleiben. Irgendetwas muss in ihrem Herzen sein, das sie beruhigt. Im Herz des Menschen sammeln sich seine Erfahrungen und Gedanken, formulieren sich die Ziele und Hoffnungen. Sicherheit und Freude in meinem Herzen werden nicht gespeist von äußerem Streben nach Erfolg und Karriere, von VIP-Beziehungen und Titeln. Es sind vielmehr die Momente, in denen mir Vertrauen geschenkt wurde, als ich einem anderen helfen konnte, als mir ein Freund nahestand, als ich die Nähe Gottes spürte, die mein Herz stark machen.

Ein Aufseher notierte, Bonhoeffer habe ruhig und gesammelt gewirkt, sich von allen Mithäftlingen verabschiedet, an der Richtstätte ein kurzes Gebet gesprochen und sei gefasst zum Galgen gegangen. Was macht mein Herz stark? Welche guten Mächte begleiten mich in das neue Jahr?