„Und ich bin es auch!“

Ruth Zenkert

Wo finde ich meinen Vater oder meine Mutter in mir? Nicht nur in den Stärken, sondern dort, wo ich schwach bin.

Raum schaffe Gott für Jafet. In Sems Zelten wohne er, Kanaan aber werde sein Sklave.
Gen 9,27

Ein kleines Mädchen mit zerzausten Haaren läuft durch das Haus, reißt die Türen auf und schlägt sie hinter sich zu. So mustert Ana alle Zimmer. Sie geht zurück, zeigt auf eine Türe und bestimmt: „Hier werde ich wohnen.“ Ihren Plastiksack mit dem wenigen Hab und Gut wirft sie in das Zimmer. Dann fragt sie, wer zu ihr ziehen wolle. Hermine setzt sich schnell auf das freie Bett. Auch andere Kinder drängen herein. Ana schaut alle prüfend an und wählt Maria aus. Hermine geht weinend ins Nachbarzimmer.
Es ist der Tag, an dem wir das „Kinderhaus Ilie“ eröffnen. Die Kinderschutzbehörde hat die ersten acht Kinder gebracht. Manche wurden von der Straße aufgelesen, andere mussten von ihrer Familie weggenommen werden. Eine Narbe auf Anas Bein erinnert an den betrunkenen Vater. Im neuen Kinderhaus sollen die Kinder wieder lachen können. Die Wunden in den kleinen Herzen sollen heilen. Wie die anderen Kinder werden sie in die Schule gehen und Freunde finden.
Die Neuankömmlinge sind scheu, ja beinahe verängstigt. Wie wird es hier wohl werden? Nur unsere kleine Ana ist von Beginn an vorlaut. „Was gibt es heute zu essen?“, will sie gleich wissen. Zum ersten Mal sitzt die Schar miteinander um den großen Tisch. Es gibt Orangensaft, so etwas Gutes haben sie noch nie gehabt. Wir wollen sie kennenlernen. Alle nennen ihre Namen. Sie werden gefragt, wo sie herkommen. Die meisten wollen nichts erzählen. Dann ist Ana an der Reihe. „Meine Eltern sind total verrückt und ich bin es auch! Ich werde euch das Leben zur Hölle machen, weil ich mit allen streite und mich sogar mit den Großen prügle.“ Die Kinder lachen, die Erzieherinnen erbleichen. Da wird etwas auf sie zukommen! Dann werden alle geduscht, sie bekommen neue Kleider. Den meisten müssen wir die Haare schneiden, weil sie voller Läuse sind, da hilft auch kein Spezialshampoo mehr. Ana schreit: „Ich will keine Glatze!“ Sie springt vom Stuhl. Eine Erzieherin schlägt ihr vor, dass sie in die kurzen schwarzen Haare ein paar helle Strähnen färben wird. Einverstanden.
Ana wächst jeden Tag mehr in die neue Familie hinein. Sie ist die Kleinste, doch sie dirigiert die anderen. Als der große Jonuz wieder beim Stehlen erwischt wird und die Erzieher nicht mehr weiterwissen, stampft Ana mit dem Fuß auf den Boden. Sie legt ihren Arm an seine Hüfte und droht: „Wenn ihr den rausschmeißt, geh ich mit.“ Er darf bleiben.
Im Herbst dürfen die Kinder in der Musikschule ein Instrument lernen. Ana wählt die Geige. Mit ihren Freundinnen spielt sie beim Sommerfest schon mit. Strahlend zwinkert sie mir aus dem Orchester zu.

Was macht Ana so stark? An ihr erfüllt sich das väterliche Wort des Noach, der seine Kinder ganz realistisch sieht. Jafet zeichnet sich durch sein weites Herz aus. Er ist zu Großem berufen, während Hams Sohn Kanaan seine Fesseln nicht loswird. Er ist belastet durch das Vergehen seines Vaters, der Noachs Schwäche nicht aushielt. Er musste ihn bloßstellen und bekämpfen, während seine Brüder zu ihrem Vater standen, vielleicht ahnend, dass sie nicht nur seine Stärke, sondern auch seine Schwäche in sich trugen.
Ana hat die Nähe auf den Punkt gebracht: „Meine Eltern sind verrückt und ich bin es auch.“ So bekennt sie sich zu den Eltern in deren Not. Darin könnte das Geheimnis ihrer Stärke liegen.