Unauslöschliches Feindbild?

Josef Steiner

Keine Person ist im Laufe der Geschichte mit einem so negativen Vorurteil behaftet worden wie der Judas der Bibel. Welches Bild von ihm prägt mich?

 
Judas holte die Soldaten und die Gerichtsdiener der Hohenpriester und Pharisäer und sie kamen dorthin mit Fackeln, Laternen und Waffen.
Joh 18,3

 

Gespannt lauschten wir vierundzwanzig Mädchen und Buben der ersten und zweiten Klasse in einem abgelegenen Ort Osttirols den Worten des Lehrers. Er erzählte uns, wie in einer finsteren Nacht eine kleine Gruppe durch den tiefen Schnee stapfte, hinauf zu einer Hütte auf der Pfandler Alm im Passeiertal in Südtirol. Voran ein ortskundiger junger Mann, in seinem Gefolge fremde Soldaten mit Bajonetten und Gewehren. Der junge Mann wusste, dass in der Hütte in einem Loch im Stall, verdeckt mit Heu, der von der französisch-bayerischen Besatzungsmacht gesuchte Anführer des Tiroler Freiheitskampfes, der Viehhändler und Gastwirt Andreas Hofer, versteckt war. Vergeblich hatten Hofers Leute das Gerücht verbreitet, dass er in einem leeren Fass einer Kastanienfuhre nach Österreich entfliehen habe können. Der junge Mann wusste es durch eine zufällige Entdeckung besser. Obwohl ihn Andreas Hofer und seine Familie auf den Knien beschworen, sein Versteck nicht zu verraten – die eintausend und fünfhundert Gulden, die die Besatzungsmächte auf die Ergreifung des Freiheitskämpfers ausgesetzt hatten, waren stärker. So kam es in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 1810 unter seiner Führung zur Festnahme Andreas Hofers. Zwanzig Tage später wurde der Tiroler Freiheitsheld in Mantua erschossen. Den Namen des jungen Mannes, Franz Raffl, den sollten wir uns Kinder als abschreckendes Beispiel merken. Von da an hieß er „der Judas von Tirol“. Furchtbar musste er für seinen Verrat büßen. Enteignet, aus der Heimat vertrieben, von familiären Schicksalsschlägen heimgesucht, verbrachte er als Straßenkehrer an einer Münchner Zollstätte den Rest seines Lebens. „Raffl“ und „rafflerisch“ wurden zu Synonymen für hinterlistige Menschen und verlogene Charaktere. So geht es einem Verräter, warnte zum Schluss der Lehrer. Und wenn wir Kinder dann am Karfreitag in der Passionsgeschichte den Satz hörten: „Judas holte die Soldaten und die Gerichtsdiener der Hohenpriester und Pharisäer und sie kamen dorthin mit Fackeln, Laternen und Waffen“, dann war für uns klar: Der biblische Judas ist nur als Raffl zu begreifen, als falscher, geldgieriger und charakterloser Mensch. Dieses Bild prägte sich tief unsere Kinderherzen und weckte Gefühle der Verachtung und des Hasses gegen Judas.

Das Studium der Bibel ergibt ein anderes Bild. Judas hat den schwierigsten Job im Projekt Jesu. Er stellt sich Fragen: Ist dieser Weg Jesu zu den Armen und Fremden wirklich der richtige? Führt das nicht zu einer Aufweichung von Religion und Tradition? Zum Ausverkauf? Zum Judentum light? Judas will Klarheit. Er übergibt Jesus den politisch und religiös Verantwortlichen, um durch sie in die Nacht seines Suchens und Zweifelns Klarheit und Eindeutigkeit zu bekommen. Damit öffnet er Jesu Weg zu den Völkern. Es ist sein Leidensweg, der dem Leidensweg Jesu vorausgeht. Das Bild eines suchenden, mutigen und tragischen Judas.