Um mich weint hier niemand

Ruth Zenkert

Verlassen, gebrochen. Mit wem bist du durch Sehnsucht und in Tränen verbunden?

Die Engel sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Man hat meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.

Joh 20,13

Es war kurz nach dem Zusammenbruch des Ceauşescu-Regimes, am Bahnhof in Bukarest. Die dicken Warmwasserrohre, der intensive Gestank und die aufsteigenden klaustrophobischen Gefühle hatten mir Schweißperlen auf die Stirn getrieben. So war ich erleichtert, als wir aus dem Kanalloch herauskletterten, über eine Leiter, an der einige Sprossen fehlten, weshalb man sich am Schluss mit den Armen hinaushieven musste. Die Straßenkinder zogen mich ins Freie. Wir setzten uns mit ihnen im Hinterhof des schmuddeligen Bahnhofgebäudes auf eine Mauer. Hier war die Poststelle, Männer zogen schwere Karren herum. Einige dienten den Kindern am Bahnhof als Unterschlupf für die Nacht. Viele Kinder umringten uns, wir hatten ihnen Brot, Wurst und Milch gebracht, gierig kämpften sie darum. Die Starken in dieser wuselnden Gruppe, die hier hauste, hatten sich ihre Sklaven untertan gemacht, so organisierte sich die unübersichtliche Horde ein wenig. Immer wieder kamen Neue dazu. Freunde waren mit uns, und wir wollten weitergehen. Es war schwer, sich von den Kindern zu lösen, eine Traube folgte uns, sie wollten mit, kehrten dann aber um. Als wir am Auto waren, hatte unser Gast Caroline noch ein Kind an der Hand, das Mädchen war einfach mitgegangen. „Wie heißt du?“, wollten wir wissen. Sie senkte den glattrasierten Kopf. „Vali“ antwortete sie leise. „Woher bist du?“ Sie konnte es nicht beschreiben. „Wohin geht ihr?“, fragte sie. Nach Hause; es fiel uns schwer, das zu sagen. Sie drückte Carolines Hand mit ihrer kleinen schwarzen Hand noch fester. „Ich will mit zu euch.“ „Aber ist niemand am Bahnhof, der dich vermisst?“ „Um mich weint hier niemand“, sagte Vali.

Ganz anders war es am Grab Jesu. Hier stand seine wohl beste Freundin, Maria von Magdala, und weinte. „Frau, warum weinst du?“, sagten die Engel zu ihr. Welch tiefe Beziehung spricht aus diesen Tränen. Maria hatte sein Sterben miterlebt und ihn bis zum bitteren Ende begleitet, ohne Scheu und Angst. Sie hatte Jesus die Treue gehalten, als viele Männer schon geflohen waren. Nie vergaß sie ihm, dass er sie befreit hatte aus den Fängen der Dämonen. Sie war als Erste beim leeren Grab und suchte den Leichnam. Die Ungewissheit ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Ihre tiefe Beziehung zu Jesus mündete jetzt in Tränen, die nur Engel entschlüsseln konnten. Sie spürten in den Tränen nicht nur die Katastrophe sondern den Trost auf. Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten. Verunsicherung und Trauer verbergen eine Geborgenheit, die stärker ist als der Tod. Jene Geborgenheit, die dem Straßenkind fehlte. Wenn wenigstens jemand um sie geweint hätte.

Vali ist bei uns geblieben. Heute ist sie eine glückliche Mutter, die ihren drei Kindern Geborgenheit schenkt.

Weinen in einer Beziehung ist ein Lebenszeichen. Es ist noch nicht aus, es kann ein Aufleben geben. Mit wem bist du durch Sehnsucht und in Tränen verbunden?