Übergeben, was ich aufgebaut habe

Ruth Zenkert

Mit wem bin ich so weit gegangen, durch Konflikte und Fragen hindurch, bis sich Misstrauen und Angst aufgelöst haben?

Petrus gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!

Joh 21,17c-d

Es war einmal eine Helferin, mit der wir das Projekt Elijah in Siebenbürgen begonnen hatten. Sie war in alles involviert, war immer bei uns. Die Arbeit wurde mehr, neue Mitarbeiter kamen dazu. Auch Leute, denen ich Aufgaben übertrug, die unsere erste Mitarbeiterin begonnen hatte. Sie ertrug es schwer und fühlte sich verdrängt, obwohl sie inzwischen so viel zu tun hatte, dass sie es gar nicht mehr geschafft hätte. Auch die nächsten Mitarbeiter schimpften über die Neuen. Inzwischen sind es über sechzig, Führungskräfte sind herangewachsen und haben einzelne Bereiche übernommen. Ehrgeizige wollen weiter hinauf, lernen, kämpfen um Verantwortung. Mir stellt sich täglich die Frage: Wem kann ich vertrauen, wer kann mehr, wer übernimmt einmal das Werk? Andrei, der einen guten Draht zu den Jugendlichen hat? Cornelia, die sich umsichtig um alles im Büro kümmert? Mariuca, die allen dient und sogar auf Katzen und Hund schaut? Antoaneta, die ohne Rücksicht auf Verluste Aufträge umsetzt? Lili, die alles aushält? Nicu, der überallhin Beziehungen pflegt, aber nirgends anecken will? Robert, der ein wunderbarer Musiker ist und Ideen hat? Ionela, die so viel mitgemacht hat und als Kind für ihre kleinen Geschwister zu sorgen hatte? Sie ist viel zu ernst, sie hatte keine Kindheit. Maria, der Star, die gerne in der Mitte ist, aber die Dienste anderen überlässt? Ionut, der in seinem Clan zuhause ist? Er prügelt die anderen und wirft Steine auf die Mädchen, deshalb wird Rocker genannt. Dann wieder schaut er mich treuherzig an, ein schutzbedürftiges Kind. Seine Eltern sind verschwunden. Stolz sagt er, Jesus sei sein Vater.

Liebe ohne Eifersucht gibt es nicht. Darauf spielt die erste Frage Jesu an Petrus an: Liebst du mich mehr als diese? Auch unter den Schülern Jesu kommt es zu Eifersuchtsszenen. Petrus muss über alle Stufen der Liebe in die Tiefe steigen, bis er sagen kann: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe. Hier ist keine Konkurrenz mehr. Es ist nur noch das Glück, einander zu kennen und zu verstehen. Dieses Eins-Sein nützt Jesus, um seinem Schüler die Gemeinschaft anzuvertrauen, die er gestiftet hat. Weide meine Schafe!

Jesus hat nichts anderes getan als Mose am Ende des Wüstenzugs beim Blick auf das Gelobte Land. Der war sich im Tiefsten sicher, dass er jetzt Josua vorausgehen lassen konnte. Er würde das Volk führen. Mose durfte Abschied nehmen, weil er den Guten Hirten gefunden hatte. Jesus gibt an seine Schüler den göttlichen Auftrag weiter, gute Hirten zu sein. Wer übernimmt von uns diesem Auftrag, den Gott mit uns teilt?

Wem werde ich einmal mein Lebenswerk übergeben? Wer hält unsere Gemeinschaft zusammen? Wer geht voraus? Wer greift ein, wenn es falsch läuft? Wer ergreift Partei für die, die sich nicht wehren oder sich selbst helfen können? Wer lässt nicht zu, dass die Starken ihre Macht ausnützen? Auf wen kann ich mich verlassen, wenn ich nicht mehr kann? Wo kann ich zuschauen und mich freuen, weil Neues kommt?