Tunnelblick

Max Heine-Geldern SJ

Nicht jeder Weg führt weiter

 „Kain antwortete dem HERRN: Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte.“

Gen 4,13

Er kennt den Weg. Seit zwei Jahren geht er ihn beinahe täglich. Aus der U-Bahn, die Rolltreppen hinauf, dann folgt der lange Tunnel. Anfangs kleine Stehkaffees, dann leuchtende Vitrinen, gefolgt von bunten Werbepostern. Die Gerüche wechseln, ebenso die Junkies und ihre Hunde. Aber alles nicht mehr so schlimm wie vor ein paar Jahren, sagt man. Und verglichen mit anderen Großstädten ist die Anzahl nicht erwähnenswert. Sein Schritt ist zügig, ohne gehetzt zu sein. Bis zur Vorlesung ist noch Zeit. Angenehm ist der Anblick nicht. Lösungsversuche der Stadt sind gescheitert. Das Problem wurde nur kurzfristig verlagert, kehrte aber wieder zurück. Manchmal spricht ihn einer der Gestrandeten an. Fragt nach ein paar Cent, nach einem Tschick, etwas zu essen, oder labert Unverständliches vor sich hin. Viele von ihnen sind ungefähr in seinem Alter.

Dasselbe Ziel, doch ein anderer Weg. Zu Fuß sind es nur zehn Minuten länger und im Studienalltag etwas Luft zu schnappen hält fit. Der Anblick der großen Museen lässt ihn staunen und lenkt vom Unistress ab. Noch eine Abkürzung quer durch das Unigelände und schon findet er sich im Vorlesungssaal wieder. Wenn mehr Zeit ist, führt der Weg durch die wunderbare Innenstadt. Manchmal gönnt er sich einen Snack beim Hot-Dog-Stand. Diese Momente genießt er besonders. Seine täglichen Sightseeing-Touren sind zur Routine geworden. Sie waren keine bewusste Entscheidung. Hat sich einfach so entwickelt. Er hat eigentlich nie darüber nachgedacht. Bis zu jenem Moment, als es ihm auffiel.

Kain wird von Gott gestellt. Kein angenehmer Moment. Im Fluch werden ihm die Konsequenzen seiner Tat offenbart. Der Ackerboden wird ihm nie Erfüllung schenken, denn er ist getränkt mit dem Blut seines Bruders. Die feindliche Beziehung zwischen den Menschen hat die Gabe der Schöpfung zur beschwerlichen Aufgabe gemacht. Getrieben vom Neid, wird Kain nie genug haben, den Boden aussaugen und von anderen als zu verdrängender Konkurrent empfunden werden. Er erkennt den Teufelskreis, in dem er sich verstrickt hat. Seine Schuld wird ihm unerträglich, ein Leben erscheint unmöglich. Seine Perspektive reduziert sich aufs Überleben. Er empfindet sich nicht mehr als Geschöpf, geschweige denn als Gott ähnlich. Dessen Angesicht erträgt er schon gar nicht mehr.

Warum hat er den Tunnel gemieden? War es die Freude an den luftigen Spaziergängen? Konnte es sein, dass er die Gegenwart der Junkies nicht ertrug? Ihr Elend ist schlimm, aber so ist es nun einmal. Daran hat er keine Schuld. Wer Hilfe braucht, findet sie. Sie haben dieses Leben selber gewählt. Romantisierendes Heldengetue hilft ihnen auch nicht. Mitten in all diesen verdrängenden Gedanken ließ ihn einer nicht locker: Wie viele Umwege bin ich bereit, für meine sichere Welt zu gehen?

Der Weg führte wieder durch den Tunnel. Er sprach niemanden an. Aber er wollte sich nicht mehr vor ihrem Angesicht verbergen, auch wenn es kein angenehmer Anblick war. Wie ähnlich sie ihm waren. In ihrer Gegenwart pulsierte seine eigene Unrast. Gleichzeitig spürte er ein zartes Band der Verbundenheit. Es half ihm, seinen Blick zu weiten.