Treu sein und verlassen, eine herzzerreißende Aufgabe

Ruth Zenkert

Wo hast du die Spannung zwischen alten und neuen Beziehungen erlebt?

Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.

Gen 2,24

Alle Kinder außer Haus! Die Eltern hatten es ermöglicht und gefördert, dass jeder und jede eine gute Ausbildung machen konnten. Sie waren stolz auf ihre Kinder. Doch ihr größter Wunsch war, dass eines wieder zurückkommen, für sie sorgen würde, wenn sie alt waren. Und dass eines das Haus übernahm, das sie mit eigenen Händen und unter viel Verzicht gebaut hatten. Immer wieder renovierten sie, erneuerten das Bad, bauten neue Fenster ein, damit die junge Familie ein schönes Zuhause hätte. Ihre große Hoffnung war Fred, der jetzt kurz vor dem Abschluss des Studiums stand. Sie malten sich aus, wie das Zusammenleben werden würde, und zählten die Tage bis zum nächsten Sommer. Im Testament wurde er besonders berücksichtigt. Eines Tages besuchte Fred die Eltern und erzählte beim Kaffeetisch, wie glücklich er jetzt sei. Er habe sich verliebt! Sie hätten Pläne für eine gemeinsame Zukunft, die Freundin habe einen guten Job und … er schaute in die erstarrten Gesichter der Eltern. Sie konnten Freds Freude nicht teilen. Denn sie wussten, was das hieß: Fred kommt nicht zurück! Der Vater stand wortlos auf, seine Träume waren zerplatzt. Die Mutter fragte Fred noch über die Freundin aus, eher kritisch. Fred war im Zwiespalt. Konnte er jemals die Freundin mit nach Hause bringen? Sollte er dem Wunsch der Eltern nachgeben und hier eine berufliche Zukunft anstreben, eine Fernbeziehung wagen? Fred liebte seine Eltern. Fred liebte seine Freundin. Er wollte mit ihr zusammen sein und musste den Eltern zumuten, nicht mehr auf ihn zu warten. An diesem Nachmittag fuhr er früher als gewöhnlich zu seinem Studienort. Er kam nur noch selten nach Hause, es war schwer, die enttäuschten Eltern auszuhalten. Er wollte abwarten, bis sie ihn einluden, damit er ihnen seine Liebe vorstellen konnte.

Die Eltern hatten Fred zu einem selbständigen und erwachsenen Menschen gemacht. Fred war seinen Eltern dankbar, und doch musste er sie verlassen, um seiner Frau anzuhängen, an ihr zu kleben, wie die Bibel wörtlich sagt.

Nach der Bibel ist es das Höchste, an den Eltern zu hängen. Und trotzdem trägt Gott den Menschen auf, Vater und Mutter für eine neue Partnerschaft zu verlassen. Auch sie ist das Höchste. So bringt Gott den Menschen in einen schmerzhaften Widerspruch zwischen Treue und Verlassen. Der Mensch muss mit den Eltern verbunden sein und sich gleichzeitig von ihnen lösen. Dieser Widerspruch schmerzt beim Eintritt in eine neue Gemeinschaft oder Aufgabe. Als Elijah den Elischa zu seinem Nachfolger als Leiter in der Prophetenschule macht, bittet dieser, vor dem Weggehen noch seinen Vater und seine Mutter küssen zu dürfen. Es schmerzt ihn, die Eltern zu verlassen, obwohl er keinen Zweifel an seiner neuen Aufgabe hat. Die Verbundenheit mit den Eltern hat ihn für die Berufung befähigt, die ihn zum Abschied zwingt.

Weder Mann noch Frau sind ein Ganzes, erst miteinander werden sie ein Fleisch. Durch Verlassen und Anhängen, beides gleichzeitig, entsteht ein neuer Organismus.