Traurigkeit in der Liebe

Georg Sporschill SJ

Welcher Punkt führt in die Tiefe einer Beziehung? In jene Tiefe, aus der die Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme kommt.

Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Liebst du mich?

Joh 21,17b

Fünfzehn Jahre verheiratet, drei Kinder – eine traumhafte Familie. So schien es. Eines Tages erfuhr ich, dass Andreas ausgezogen war. Ich rief ihn an. Können wir reden, brauchst du Hilfe? Andreas, der immer in Glück und Erfolg gebadet hatte, war zutiefst gekränkt: Sie hat mit einem schwindligen Typen ein Verhältnis! Sie ist verliebt und weiß nicht, was sie tun soll. Sie will uns nicht verlassen, hat mir alles gestanden und bittet um Verzeihung. Ich kann mit ihr nicht mehr leben. Das schaffe ich nicht. Und meine Kinder? Ich weiß es nicht. In langen Gesprächen fragte ich ihn, was die Ursache sein könnte, dass seine Frau Nähe bei einem anderen gesucht hatte. Vielleicht bist du durch deinen anspruchsvollen Beruf einfach zu wenig zuhause, vermutete ich. Denke darüber nach, was du tun kannst, um sie zurückzugewinnen. Ich will sie nicht mehr, war seine Antwort. Erst nach einigen Monaten konnte ich beide gemeinsam treffen. Sie brachten die Kinder mit. Die Kommunikation zwischen den Eheleuten ging über die Kinder. “Frag die Mama, ob sie noch einen Kaffee will.” “Sag dem Papa, dass ich kurz etwas einkaufe.” Ich verstand, warum sie gegangen war. Ich verstand, dass er gekränkt war. Ich verstand, dass beide ratlos waren, ob und wie es mit ihren Kindern weitergehen sollte. Und dann zog Andreas wieder zurück zur Familie. Ist alles wieder, wie es war?, fragen seine Freunde. Nein, sagt Andreas. Ich habe meine beruflichen Aktivitäten verändert, bin einen Abend und am Wochenende zuhause. Wir unternehmen viel gemeinsam, ich genieße es. Die Beziehung zur Frau? Nein, sagte Andreas. Ich weiß, dass sie gegangen ist und vielleicht wieder gehen kann. Bin mir nicht mehr so sicher, dass sie mir gehört. Ich muss täglich um sie werben. Dadurch sind wir stärker verbunden als vielleicht jemals zuvor. Sie ist die Mutter unserer Kinder und meine Partnerin. Auf einem verdammt spannenden Weg.

Es gibt keine Liebe ohne Traurigkeit. So wie David um seinen geliebten Sohn trauerte, der ihn verraten hatte und dann von seinen eigenen Leuten ermordet wurde. Jesus musste zur Kenntnis nehmen, dass ein begabter junger Mensch, den er für sein Werk gewinnen wollte, seine Einladung nicht annahm. Traurig gingen sie auseinander, ohne dass Jesus ihm einen Vorwurf gemacht hätte. In der bitteren Stunde war Jesus allein. Gerade dann, als er die Nähe seiner Jünger gebraucht hätte, waren sie eingeschlafen. Und Petrus hatte ihn verleugnet. Später sollte Jesus ausgerechnet ihm sein Werk anvertrauen.

Ernst wird die Liebe da, wo es schwierig wird. Jesus vertraut seine Gemeinde nicht einem Perfekten an, sondern einem, den er liebt, so wie er ist. Die Fehler sind nicht weggewischt. Ein Schmerz erinnert an die Schwäche. Die Unsicherheit bleibt.

Ich hätte Angst vor jemandem, der seine Fehler verleugnet. Ich kann mich jemandem anvertrauen, der unter seinen Fehlern leidet. Liebe, die die Traurigkeit kennt, wird eine tragfähige Partnerschaft.