Tragödie an der Drau: die Kosaken in Osttirol

Dominik Markl SJ

Erneut stehen wir vor der Herausforderung, Kriegsflüchtlingen persönlich zu begegnen.

Sie führten ihn zuerst zu Hannas; er war nämlich der Schwiegervater des Kajaphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war.

Joh 18,13

Fünfundzwanzig Tausend Kosaken, Männer, Frauen und Kinder, flohen in den ersten Maitagen 1945 aus der Gegend von Tolmezzo nach Osttirol. Tausende ihrer Pferde grasten am Lienzer Talboden. Die fremdländischen Gesichter und Worte verstärkten noch die allgemeine Verunsicherung nach der Bombardierung von Lienz und bei der prekären Knappheit an Lebensmitteln. Die Kosakenverbände hatten auf Seiten der deutschen Wehrmacht gekämpft und fürchteten nichts mehr als die Auslieferung nach Russland. Sie hofften auf Schutz in der britischen Besatzungszone. In einem verzweifelten Gesuch an das britische Militärkommando schrieben sie am 30. Mai: „WIR BEVORZUGEN DEN TOD gegenüber der Auslieferung nach Sowjetrussland, wo wir zu langsamer und systematischer Vernichtung verdammt sind.“ Doch ihr Schicksal war schon im Februar in einem geheimen Abkommen in Jalta besiegelt worden. Sowjetische Staatsangehörige sollten ausgeliefert werden. In den ersten Junitagen spielten sich grausame Szenen ab. Die Popen der orthodoxen Kosaken beteten versammelt um ein erhobenes Kreuz. Hunderte verbanden sich um sie zu einer menschlichen Festung. Da sie sich nicht von der Stelle bewegten, begannen britische Soldaten, in die betende Menge zu schießen. Tausende wurden mit Gewalt abtransportiert. Hunderte flohen in die Berge, versteckten sich auf Almen, die meisten wurden wieder eingefangen. Die nach Russland zurückgekehrten Offiziere wurden unverzüglich liquidiert, viele Soldaten und Zivilisten kamen in sibirische Lager und starben dort. Hatte schon das Abkommen von Jalta gegen die Genfer Konvention verstoßen, entbehrte auch diese Auslieferung rechtlicher Grundlagen, da viele der Kosaken niemals sowjetische Staatsangehörige gewesen waren.

Die „Tragödie an der Drau“ war lange vergessen und verdrängt. Harald Stadler, Osttiroler und Professor für Archäologie an der Universität Innsbruck, hat mit einer interdisziplinären Gruppe und in Zusammenarbeit mit der Osttiroler Bevölkerung begonnen, die Geschichte intensiv aufzuarbeiten. Ausstellungen, Broschüren und das Buch „Die Kosaken im Ersten und Zweiten Weltkrieg“ rufen ihr Schicksal einfühlsam in Erinnerung. Ein Blumentopf in Tristach entpuppte sich als kosakischer Kochkessel. In Stadeln finden sich Pferdewagen von Kosaken und Schriftstücke – hinter Brettern versteckte Botschaften für künftige Zeiten, für uns.

Um das Kruzifix gedrängt wurden die Kosaken in den Tod geschickt. Wie der Gekreuzigte wurden sie verraten und ausgeliefert. Wie sollten wir auf Kajaphas oder Churchill mit dem Finger zeigen? Wir stehen heute erneut vor der Herausforderung, Kriegsflüchtlingen persönlich zu begegnen. Einige Kosakenkinder blieben als „Wolfskinder“ in Osttirol zurück. Im Lauf ihres Lebens entdeckten sie ihre Geschichte und Identität. Zwei von ihnen, Sonja Walder und Michael R., formulieren zum Abschluss des Büchleins „Flucht in die Hoffnungslosigkeit. Die Kosaken in Osttirol“ einen Wunsch: „Mehr gelebte Toleranz dem Fremden gegenüber.“