Tohuwabohu – Finsternis – Urflut

Josef Steiner

„Nichts kann entstehen ohne Chaos.“ (Albert Einstein)

Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über den Wassern.

Gen 1,2

Sie waren unterwegs auf der Heimreise von einer Projektsitzung im Waldviertel, er Architekt, sie Ärztin. Bei der Fahrt durch einen kleinen Ort, etwas erhöht liegend, mit schöner Aussicht, fiel es ihnen gleich ins Auge. Beide mit einem guten Blick für Formen, Stile und Gebäude ausgestattet, entdeckten sie direkt neben der Kirche ein von Bäumen und wild wachsenden Sträuchern umwuchertes, kaum sichtbares Haus. Sie hielten an. Aus dem Dickicht lugte eine Renaissance-Fassade mit Graffiti, Quader-Zeichnungen, Reste eines barocken Portals, daneben verwischt und vergilbt eine Jahreszahl aus dem 16. Jahrhundert. Auch eine riesige Scheune deutet sich in Umrissen in diesem „Urwald“ an. Ihr Interesse war geweckt.

Das gewaltige Tor zum Innenhof ließ sich überraschenderweise öffnen. Durch das Dickicht aus Ahornbäumen und Akazien, durch ein Gestrüpp von wilden Rosen, verrottetem Holz, Brennnesseln und Unkräuter tasteten sie sich zur Scheune vor. Auch sie war nicht abgesperrt. In ihr herrschte ein unglaubliches Chaos aus geschlichteten Bretterstapeln, Sperrholz, alten Türen, darüber ehemalige Kirchenbänke, Räder von alten Fuhrwerken. Ein Wahnsinns-Durcheinander.

Wieder im Hof, folgten sie einem kleinen Pfad durch den „Dschungel“ zum Haus. Eine schmale Tür mit abgeblättertem grünem Anstrich führte in einen durch Arkaden kunstvoll gestalteten, halb offenen Gang, der die ursprüngliche Schönheit des Gebäudes erahnen ließ. Der Boden mit Glasflaschen und Scherben, mit Gesteinsbrocken und Mauerresten übersät, die Stromleitungen frei im Raum hängend, ein Hindernislauf. Sie arbeiteten sich durch das Tohuwabohu weiter. Eine erste Tür in einen Raum, kein Licht, finster, die Hälfte eines Tischtennistisches, überhäuft mit Alltagsgegenständen aus den 50iger Jahren, alles ramponiert. Eine weitere Tür in einen Raum. Unglaublich. Ein riesiger Saal, abwechselnd Spätbiedermeier-Betten und Spätbiedermeier-Kasten nebeneinander gestellt. Ein ehemaliger Schlafsaal? Die Kastentüren geöffnet. Diverse Utensilien auf dem Boden zerstreut. Alles von einer dicken, gelblich-weißen Schimmelschicht überzogen. Überall Spinnennetze. Gruselig, wie in einem Horrorfilm. So ging es Raum für Raum.

Die beiden setzen sich auf eine marode Bank im Gang. Vom Nachbargrundstück strömte der Gestank einer Schweinezucht durch die Fenster. Sie staunten über diesen Ort der Vergessenheit und begannen zu phantasieren, wie sie es anstellen könnten, den Pfarrhof – das war die ursprüngliche Funktion dieses Gebäudekomplexes – aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Ihr Geist, ihr Mut zum Abenteuer und zur Gestaltung trieben sie an. Sie entschieden sich, diesem Chaos Form und Ordnung zu geben. Und kauften das Anwesen.

Die Botschaft der Bibel ist klar. Die von Gott geschaffene Erde stellt sich so dar: Sie ist ein riesiges Durcheinander. Finster, undurchschaubar, mit einer Flut von Möglichkeiten. Aus ihnen wird der Geist Gottes einen Lebensraum für den Menschen erstellen. Also keine Angst vor Chaos im Leben. Auch der Schöpfer beginnt damit.