Tiefe Wurzeln ermöglichen Neues

Ruth Zenkert

Wenn ich allein in den Spiegel schaue, kann ich die Frage beantworten: Wer bin ich?

 
Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus von Nazaret. Er sagte zu ihnen: Ich bin es. Joh 18,5

 

Unsterblich verliebt war Danciu – von seinen Freunden auf Romanes Kale, der Schwarze, genannt – in die blonde Medizinstudentin, die bei uns ein Praktikum machte. Sie musste zurück nach Deutschland, ohne ihn. Danciu kam dennoch oft in unser Haus, mit seinem schwarzen Hut, wie ihn die Roma-Burschen tragen. Bald fuhr er mit einem alten Auto vor, das er sich erarbeitet hatte. Er war gerne mit den Volontären aus dem Westen zusammen, die eine so andere Kultur mitbrachten. Oft haben wir miteinander gesungen, seine Roma-Lieder und internationale Musik. Am vergangenen Samstag heiratete Danciu. Seine zukünftige Frau hatten die Eltern ausgesucht, er selbst kannte sie nicht. Die Brautfamilie hatte alles organisiert. Ein Schwein war geschlachtet, Getränke waren besorgt, unsere Jugendlichen waren eingeladen, die Musik zu spielen. Der Hof war voll, bunte Röcke der Mädchen, schrille Farben der Strickjacken, die Männer mit Schuhen, deren Spitze sich ins Unendliche zieht, ihre Hüte am Festtag mit weißem Band. Am Grill rauchten die Kohlen, die Stimmung wurde immer ausgelassener. Doch wo war das Brautpaar? Ich schaute ins Haus. Dort saß der zwanzigjährige Danciu neben seiner Frau. Sie – ein dreizehnjähriges Kind. Als er sie am Morgen mit dem Festzug von Zuhause abgeholt hatte, hatte sie geweint. Statt zu gratulieren rutschte mir heraus: „Danciu, was machst du mit dem Kind? Sie spielt doch noch mit Puppen.“ „So ist es bei uns Tradition, ich muss sie zur Frau nehmen“, erklärte er mir. „Morgen früh muss ich den Gästen das Leintuch zeigen, damit sie sehen, dass sie Jungfrau war und dass wir jetzt eins sind.“ Er zwinkerte mir zu, weil er meinen Schock verstand: „Ich werde einen Weg finden, wie ich das mache. Ich werde auf sie aufpassen.“ Seine Fürsorge war liebevoll. Vielleicht wird das Mädchen einmal glücklich bei Danciu. Und er hat Verständnis für seine Eltern. Er ist Rom.

War das der Danciu, mit dem wir unsere Lieder sangen? „Ich bin es“, zeigte er, indem er das für ihn bestimmte Mädchen heiratete und doch verstand, dass er ein Kind zu schützen hatte. „Ich bin es“, sagt Jesus, als die Häscher ihn suchen. In der selbstbewussten Antwort klingt die Stimme durch, die Mose am brennenden Dornbusch vernahm, als er fragte: Was soll ich dem Volk antworten, das wissen will, wer mich sendet? Da offenbarte Gott ihm den Namen: „Ich bin, der ich bin.“ In seinem Selbstbewusstsein beansprucht Jesus den göttlichen Namen. Er fasst mit „ich bin es“ zusammen, wie er sich den Menschen gezeigt hat: Ich bin das Brot des Lebens, das Licht der Welt, der gute Hirte, der Weg, die Wahrheit und das Leben. Von Gott hat Jesus seine Autorität. Sein Mut kommt aus dem Innersten.

Bei der Roma-Hochzeit im Dorf fand der schwarze Danciu einen Weg, die Eltern zu respektieren und das Kind zu schützen. Er führte eine Tradition, die uns fremd ist, weiter.
Wo ist ein Mensch mit innerer Überzeugung? Wer geht seinen eigenen Weg, ohne sich von Zeitgeist oder Meinungsumfragen bestimmen zu lassen? Tiefe Wurzeln ermöglichen Neues.