Teamgeist

Max Heine-Geldern SJ

Ein Wahltag unter Jugendlichen

Männlich und weiblich erschuf er sie, er segnete sie und gab ihnen den Namen Mensch an dem Tag, da sie erschaffen wurden.
Gen 5,2

Die Stimmung schwingt zwischen Konzentration und Müdigkeit. An der Pinwand hängen Fotos von zehn Burschen und zehn Mädchen, jeweils umrahmt von grünen, gelben, blauen und roten Punkten. Nach acht Stunden intensiver Debatten haben es diese Jugendliche aus einem Pool von 60 gleichaltrigen Bewerbern in die letzte Runde der Leiterrundenwahl 2020 geschafft. Jedes Jahr werden in der Ignatianischen Schüler*Innen Gemeinschaft (ISG) am Canisius Kolleg zwölf Vierzehnjährige zu Gruppenleitern (GruLeis) gewählt. Für die kommenden fünf Jahre übernehmen sie Verantwortung für die gerade neu entstehenden Gruppen von Zehnjährigen des Berliner Jesuitengymnasiums. Es ist nun die Aufgabe der dreißigköpfigen Wahlkommission jeweils sechs der Finalisten zu wählen. Sie sind ihnen nicht unbekannt, denn sie hatten sie selbst vier Jahre lang als GruLeis begleitet. Die in den Vorrunden verteilten Farbpunkte geben Orientierung. Grün äußert den Wunsch, dass der Jugendliche unbedingt GruLei werden soll, während Gelb dies abhängig von der Konstellation der gesamten Gruppenleiterrunde macht. Rot hingegen verrät starke Bedenken. Blau wiederum weist daraufhin, dass die Kandidatin dem Team eine besondere Note, eine andere vielleicht sogar provozierende Perspektive geben könnte. Eine staunenswerte Vielfalt von Talenten und Einsatzbereitschaft präsentiert sich hier. Es ist ein wahrer Segen für das Jugendzentrum, dessen Grundmaxime „Jugend leitet Jugend“ ist. Hierbei bilden die Gruppenleiterrunden das Herz der ISG. Das gesamte Programm für die knapp 700 Mitglieder wird von Jugendlichen selbst aufgestellt und realisiert. Dabei werden sie von zwei Jesuiten begleitet.
Unter den heutigen Kandidaten fanden sich starke Alphatiere, unterhaltsame Rampensäue, sowie laute Aktivisten, neben feinsinnigen Schöngeistern, hippeligen Sportskanonen sowie schweigsamen Poeten. Diese Vielfalt findet sich nun auch unter den Finalisten wieder, denn hier wird nicht nur ein Einzelner, sondern eine Gruppe gewählt. Die bewusst kreierte Spannung soll Raum für die Buntheit der Kinder zulassen und lässt dabei gleichzeitig die einzelnen GruLeis wachsen.

Eine kreative Spannung, die in der Verschiedenheit des Menschen grundgelegt ist. Als männlich und weiblich schuf Gott den Menschen. Die Unterschiede liegen nicht nur in den Talenten oder in den Charakteren, sondern reichen bis hin zur wesentlich verschiedenen, natürlichen Physis. Gleichzeitig betont der biblische Text die Einheit und Gleichheit durch die Benennung mit demselben Namen „Mensch“. Beide stehen unter dem Segen Gottes. Die Unterschiede bilden gerade keine Grundlage für jegliche Versuche, den Anderen ab- bzw. aufzuwerten. Vielmehr bilden sie die Basis für die in den folgenden Versen des fünften Kapitels beschriebenen Fruchtbarkeit.

Um 22:00 hängen schließlich zwölf Fotos nebeneinander, gerahmt von farbigen Punkten. Neben Favoriten finden sich auch Jugendliche, die am Anfang chancenlos wirkten. Das neue Team strahlt in seiner Buntheit einen guten Geist aus. Ein innerliches Staunen macht sich in mir breit. Dankbar summe ich die Pfingstsequenz, mit der wir vor zehn Stunden den Wahltag begonnen haben und freue mich, die neuen GruLeis morgen segnen zu dürfen.