Tanz statt Kochlöffel

Ruth Zenkert

Wem gehen wir entgegen? Welche Begabungen und Interessen finden wir vor?

Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.

Joh 21,14

Von weitem sah ich Manex langsam heranschlendern. Wie meistens war er viel zu spät dran, aber von Eile war trotzdem nichts zu bemerken. Manex besuchte die Haushaltsschule und sollte Koch werden. Wirklich? Dafür war er nicht geschaffen. Er kam immer seltener, irgendwann gar nicht mehr. Er fehlte nicht.

Wenn ich am Haus seiner Familie vorbeigehe, schaue ich gerne hinein. Hier ist immer Leben. Viele Leute, gute Stimmung, auf dem Herd brutzelt irgendetwas in reichlich Fett. Der Papa sitzt auf der Couch, Musik dröhnt laut aus riesigen Boxen. In allen Hausbewohnern vibriert der Rhythmus. Meine Gegenwart stachelt sie an. Die Mädchen verschwinden in den Nebenraum und kommen wunderschön gekleidet wieder. Bunte weite Röcke, darüber ein Schürzchen mit klimpernden Pailletten, es glitzert und klirrt bei jeder Bewegung. Die unbändigen schwarzen Haare sind zu Zöpfen gezähmt. Freche Augen blitzen aus den dunklen Gesichtern. Die Mädchen bewegen sich zur Musik, immer schneller, immer eleganter, immer raffinierter. Die Hüften zittern, die Bäuche zucken, die Arme und Hände kreisen, schwingen, locken. Die roten Röcke flattern. Manex taucht auf mit seinem traditionellen schwarzen Hut und umgarnt die Tänzerinnen. Wie schnell er sich bewegen kann, unermüdlich springen seine Füße vor und zurück, schnelle Schritte jagen ihn durch die Mädchenschar. Es ist ein zauberhaftes Spiel von Kunst, Schönheit und Bewegung. Manex ist schweißgebadet. Eine große Leistung!

Wenn uns Freunde besuchen, führe ich sie gerne ins Haus von Manex. In wenigen Minuten ist aufgeräumt, dann beginnen sie mit ihrem Tanz. Es ist für sie die größte Freude, wenn Gäste kommen, Groß und Klein will mittanzen, auch die Mama ist dabei und selbst der Papa mit seinem dicken Bauch macht einige Schritte, um die Kinder zu animieren. Alle sind in ihrem Element. Von den Gästen bekommen sie eine Belohnung, mit der sie wieder ein paar Tage über die Runden kommen.

Manex hat in unserer Haushaltsschule keine Chance, aus ihm wird kein Koch. Viel eher ein Tänzer. Das könnte ihn davor bewahren, ins Betteln oder in die Kriminalität abzurutschen. Jesus lehrt uns die Strategie, zu sehen, was da ist. Und zwar mit drei Verben: Er trat heran, er nahm und er gab. Der Auferstandene ging seinen Schülern entgegen am Ufer des Sees. Sie waren Fischer. Und er nahm auf, was sie hatten, Brot und Fisch. Was sie erarbeitet hatten, wusste er zu schätzen. Brot und Fisch gab er weiter. So wurden wie bei der Brotvermehrung alle satt. Brot und Fisch wurden zu den ältesten Zeichen für Jesus, der auferstanden ist. Weil das Geben damit verbunden ist.

Wir werden weiterhin zu den Roma-Familien gehen, aufnehmen, was sie haben und können. Sie geben uns viel, wenn auch oft anderes, als wir erwartet haben. Mit ihrer Kunst sollten sie ihre Kinder ernähren können.

Wem gehen wir entgegen? Alle Menschen haben etwas zu geben. Welche Begabungen und Interessen finden wir vor?