Sternstunden

Ruth Zenkert

Es gibt Sterne, Menschen und Stunden, die das Leben hell machen.

Sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, um über die Erde hin zu leuchten. Und so geschah es.

Gen 1,15

An einem Sonntagmittag hatten wir mit Gästen eine kleine Aufführung vor unserer Musikschule geplant. Ich war schon neugierig, wie schnell die nervösen Nachbarn kommen würden, um sich zu beschweren: „Nicht mal am Sonntag haben wir unsere Ruhe!“ Es sind ausgewanderte Sachsen, die den Sommer in Siebenbürgen verbringen. „Im Dorf war es ruhig, bis ihr mit den Zigeunern gekommen seid“, so jammern sie. Wir würden diese vom Ortsrand in die Dorfmitte locken. Am Tag störe der Lärm der Musikschüler, nachts trieben sich am Vorplatz Jugendliche herum, die Lärm machten und Steine auf ihre Dachziegel werfen würden. Man könne hier nicht mehr leben, sie müssten ihre Fenster zumachen und die Türen versperren. Wenn wir ein Konzert oder eine Veranstaltung haben, zu der viele Dorfbewohner kommen, müssen wir immer vorher die Nachbarn beruhigen. Es gibt aber auch andere Dorfbewohner; die freuen sich darüber, dass auf dem lange verwahrlosten Grundstück jetzt ein schönes Gebäude steht, dass Kinder und Jugendliche eine sinnvolle Beschäftigung finden und schöne Musik erklingt. Leben sei wieder in das hoffnungslose Dorf eingezogen, so sagen sie.

Die Musikgruppe hatte sich also für das Konzert aufgestellt, die Roma-Familie in bunten Kleidern war versammelt, und es begann mit feuriger Musik. Schon rasten Kinder auf den Fahrrädern herbei, Leute schauten von der Straßenecke aus zu, und da erschienen auch die Nachbarn. Ich erwartete, dass der alte Herr schimpfen würde, aber er kam mit seiner Frau näher, hörte und schaute. Fröhliche Leute brachten ihre Gäste mit, immer mehr standen um uns herum. Und auf der anderen Bachseite versammelte sich hinterm Zaun die Familie des Dorfkaufmanns, sie sind die Reichsten und haben das Sagen. Selbst die Schwester des Kaufmanns, die im Rathaus über den Akten sitzt und immer streng ist, war gekommen. Einige fotografierten mit ihren Handys und nun begannen auch sie zu tanzen. Die Kauffrau entdeckte mich unter den Musikern und winkte mir fröhlich zu. Plötzlich waren wir alle eine Gemeinschaft geworden – Roma und Nicht-Roma, genervte Nachbarn und die wilden Krachmacher. Alle waren zusammengewachsen und sangen und tanzten. Der alte Sachse sagte mir danach: Ihr spielt wunderbar, die Kinder haben die Musik im Blut, so etwas bringen wir nicht zusammen. Es war eine Sternstunde für mich.

Wie dieser Augenblick meinen Alltag erhellt hat, der vom Dunkel der Diskriminierung der Roma gezeichnet ist, so hell sind auch die Sterne am Himmel. Sie sind dazu geschaffen, über der Erde zu leuchten, um Leben und Wachstum zu ermöglichen und die Herzen froh zu machen. Hier im Dorf gibt es nachts oft keine Straßenbeleuchtung, dann zeigt uns der Mond den Weg. Ich bestaune die Sterne, den Orion, den Großen Wagen, die Milchstraße, und bin dankbar für ihr Licht. Und ich denke glücklich daran, welche Menschen-Sterne und Augenblicke in mein Leben strahlen.

Es gibt Sterne, Menschen und Stunden, die das Leben hell machen.