Starke Wurzeln

Josef Steiner

Aus der Herkunft fließen Kraft und Verantwortung. Woher komme ich?
 

Er ging wieder in das Prätorium hinein und fragte Jesus: Woher stammst du? Jesus aber gab ihm keine Antwort.

Joh 19,9

 

Sayed Kashua, israelischer Schriftsteller und Journalist arabischer Herkunft. So wird er in Büchern, Fernsehprogrammen und in Einladungen zu Vorträgen und Diskussionen angekündigt. Hinter dieser kurzen Personenbeschreibung verbirgt sich das Lebensprogramm eines mutigen und faszinierenden Menschen. Zehn Jahre lang hat Kashua in einer wöchentlichen Kolumne für die israelische Tageszeitung Haaretz Erfahrungen und Gefühle eines arabischen Israeli beschrieben, Erlebnisse im Alltag der Familie und in der großen Welt der Politik und Medien. Humorvoll und mit einem Augenzwinkern, ernsthaft und aufweckend. Sie sind jetzt in seinem Buch „Eingeboren“ zugänglich.

Seine Geschichten werfen ein Licht auf die Probleme der Erziehung von Kindern, die zweisprachig aufwachsen, von den Eltern zu Toleranz, Respekt und gegenseitiger Annahme erzogen werden. Und die dann auf dem Schulhof hören müssen: „Pfui Teufel, du sprichst ja Arabisch!“ Oder: „Igitt, die Araberin hat mich angefasst.“ Sie werfen ein Licht auf die Probleme einer arabischen Großfamilie, wenn die Tochter in der Schule bei einem Musikfestival zur Feier des israelischen Unabhängigkeitstages vorspielen darf. Und in der Großfamilie bei Oma und Opa zugleich an die Nakba, an die Katastrophe der Flucht und Vertreibung arabischer Palästinenser, erinnert wird. Sie werfen ein Licht auf die Probleme eines arabischen Schriftstellers und Dichters, wenn bei einem gemeinsamen Auftritt  mit Paul Auster im holländischen Fernsehen Auster nach Literatur und seinem neuen Buch befragt wird, Kashua aber nach seiner Kindheit, ob es in seinem Dorf eine Bücherei gegeben, wann er angefangen habe zu lesen, wie man sich fühle, wenn man zu einer Minderheit gehört. Staunend wird festgestellt, dass ein arabischer Junge lesen und sogar – und das nicht schlecht – schreiben kann. Eine Fülle solcher Szenen, ohne Aggression oder Schuldzuweisung dargestellt. Bei allen Widerständen, Missverständnissen und Benachteiligungen, bei allen Angriffen von israelischer und arabischer Seite – Kashua steht zu seinen Wurzeln, fühlt sich nie minderwertig und lässt nicht auf sich herumtrampeln. Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage einer Zuhörerin: „Woher kommt ihr Optimismus?“ Er selbst gibt keine.

Auch Pilatus stellt Jesus die Frage nach der Herkunft. „Woher stammst du?“ Was könnte Jesus antworten? Aus der Konfliktregion Galiläa? Das weiß Pilatus bereits aus Jesu Personalakt, bekannt. Aus einer ungeklärten Vaterschaft? Das würde Pilatus noch verstehen, interessant und pikant. Aus der Sehnsucht und Erwartung des jüdischen Volkes? Davor hat Pilatus Angst, gefährlich. Aus dem Leben schaffenden Geist der Bibel? Das wäre für Pilatus absolut fremd, unverständlich. So ist Jesu Verzicht auf eine Antwort klug und angemessen. Sein Schweigen zeugt von realistischer Einschätzung seines Gesprächspartners, von dessen geistigem  Horizont und politischer Stellung. Aber die Frage des Pilatus bleibt gültig. Jesus hat starke Wurzeln.