Stark. Selbstbewusst. Realistisch.

Josef Steiner

Von Führungspersönlichkeiten zu lernen ist klug. Man lernt Starke und Stärke kennen.

Pilatus ging wieder in das Prätorium hinein, ließ Jesus rufen und fragte ihn: Bist du der König der Juden?

Joh 18,33

Vom großen Rabbi Schneur Salman, dem Begründer einer bis heute vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika wirkenden Gruppe jüdischer Spiritualität, hat Martin Buber in seinen „Chassidischen Geschichten“ eine beeindruckende Szene festgehalten. Weil der Rabbi von seinen Gegnern bei der zaristischen Regierung verleumdet worden war, saß er in Petersburg im Gefängnis. Als er dort seinem Verhör entgegensah, kam der Oberst der Gendarmerie in seine Zelle. Das mächtige und stille Antlitz des Rabbi, der ihn zuerst, in sich versunken, nicht bemerkte, ließ den nachdenklichen Mann ahnen, welcher Art sein Gefangener war. Er kam mit ihm ins Gespräch und brachte bald manche Frage vor, die in ihm beim Lesen der Schrift – gemeint ist die Bibel – aufgetaucht war. Zuletzt fragte der Oberst: „Wie ist es zu verstehen, dass Gott der Allwissende zu Adam spricht:,Wo bist du?’“ „Glaubt Ihr daran“, entgegnete ihm der Rabbi, „dass die Schrift ewig ist und jede Zeit, jedes Geschlecht und jeder Mensch in ihr beschlossen sind?“ „Ich glaube daran“, sagte der andere. „Nun wohl“, sprach der Rabbi, „in jeder Zeit ruft Gott jeden Menschen an: ,Wo bist du in deiner Welt? So viele Jahre und Tage von den dir zugemessenen sind vergangen, wie weit bist du derweilen in deiner Welt gekommen?’ So etwa spricht Gott: ,Sechsundvierzig Jahre hast du gelebt, wo hältst du?’“ Als der Oberst die Zahl seiner Lebensjahre nennen hörte, raffte er sich zusammen, legte dem Rabbi die Hand auf die Schulter und rief: „Bravo!“ Aber sein Herz flatterte. Ein Gespräch unter Starken.

Pilatus und Jesus: Zwei Führungspersonen, zwei Machtträger stehen einander gegenüber. Beide sind stark, jeder auf seine Weise. Pilatus, der Verantwortliche für eine für Aufstände bekannte Region, hat im Hintergrund den Kaiser Tiberius in Rom, eine vorbildlich arbeitende Verwaltung und ein effizientes Heer mit Berufssoldaten. Jesus, der Verantwortliche für eine Gestaltung des Lebens im Sinne Gottes, hat im Hintergrund einen König im Himmel, dessen in Worte verdichteten Willen in der Bibel und eine immer stärker werdende Gefolgschaft. Obwohl unterschiedlich in ihren Rollen – Pilatus als Richter, Jesus als Angeklagter –, führen sie partnerschaftlich einen Dialog. Pilatus, realistisch, nicht dumm, ehrlich, beginnt ihn mit der einzigen Frage, die ihn interessiert und die für seine politische Verantwortung entscheidend ist:. „Bist du der König der Juden?“ Der ohne Erlaubnis erhobene Anspruch auf die Königswürde gilt in den römischen Provinzen als Angriff auf den Kaiser selbst und ist mit Kreuzigung zu ahnden. Pilatus erahnt die Größe seines Gegenübers. Seine Frage ist eine bleibend gültige Personenbeschreibung Jesu, auch wenn beide damit Unterschiedliches verbinden. Für Pilatus bedeutet das Ungemach, Konflikt, Gefährdung, illegaler Anspruch. Für Jesus Verantwortung, Ehre, Auftrag, Herausforderung. Von Führungspersönlichkeiten zu lernen ist klug. Man lernt Starke und Stärke kennen.