Stark bis zum Ende

Josef Steiner

Anderen Lasten aufladen entlastet nicht. Sie selbst zu tragen macht stark.

Er trug sein Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelhöhe, die auf Hebräisch Golgota heißt.
Joh 19,17

Sie fallen zunächst nicht auf im weitläufigen Friedhof am Perlacher Forst in München. Drei Kreuze einer Grabstätte, zwei Meter hoch, angefertigt aus Stahl, fest im Boden verankert, eingerahmt von einem Zaun aus Sträuchern, einfach und schlicht, auf den Querbalken drei Namen. Auffallend dagegen ist der Grabschmuck: An manchen Tagen ist die Stätte übersät mit weißen Rosen, ein beeindruckender Blumenteppich. Die drei Kreuze halten die Erinnerung wach an drei junge Menschen, die in tiefster geschichtlicher Nacht die Sehnsucht nach Freiheit, menschlicher Würde und Anstand am Glimmen hielten. Sie vervielfältigten und verbreiteten Flugblätter, in denen mit heftigen Worten eindringlich zum Widerstand gegen einen verbrecherischen Gewaltstaat, gegen eine Diktatur des Bösen, geführt von Verbrechern und Säufern, aufgerufen wurde. Gegen einen Führer, aus dessen Mund kein wahres Wort kam, sein Mund „ein stinkender Rachen der Hölle“. Gegen eine Weltanschauung, die ein ganzes Volk in ein geistiges Gefängnis sperrte. Gegen eine Machtgier, die unzählige junge Menschen sinnlos in den Todesschlund einer gottlosen Kriegsmaschinerie warf. Gegen ein Menschenbild, das aus einem Kulturvolk – zum Beweis wurden in jedem Flugblatt Texte von Schiller, Goethe, Laotse, Novalis, Aristoteles zitiert – eine „seichte, willenlose Herde von Mitläufern“ machte. Die Flugblätter der Widerstandsgruppe, die sich den Namen „Weiße Rose“ gab, wollten die Menschen aus dem Schlaf wecken, der Mitschuld bedeutet. „Sollen wir auf ewig das von aller Welt gehasste und ausgestoßene Volk sein?“ Nein, gegen diesen Ruf hat die „Weiße Rose“ gekämpft. Zwei aus der Gruppe, die Geschwister Hans und Sophie Scholl, er fünfundzwanzig, sie zweiundzwanzig, wurden am 18. Februar 1943 beim Austeilen des sechsten Flugblatts im Lichthof der Universität München verhaftet und vier Tage später im Gefängnis Stadelheim hingerichtet. Beim Abschiedsbesuch ihrer Eltern im Gefängnis waren Hans und Sophies letzte Worte: „Wir haben alles, alles auf uns genommen.“ Keinen Namen haben sie in zermürbenden Verhören verraten, niemand anderem die Schuld oder Verantwortung für ihre regimekritische Einstellung zugeschoben. Beide blieben stark bis zum Ende. Wie die Kreuze, auf denen ihre Namen stehen. Ihre Grabstätte – ein Golgota deutscher Geschichte.

Der Evangelist Johannes lässt Jesus sein Kreuz selber tragen. Kein zum Helfen gezwungener Simon von Zyrene wird erwähnt. Keine weinenden Frauen, die seinen Leidensweg säumen. Keine Frau mit Namen Veronika – wie es später die Volksfrömmigkeit ausschmückt -, die ihm ein Tuch reicht, um sich den Schweiß abzuwischen. Nein, selbstbewusst und stark geht Jesus allein zur Hinrichtungsstätte. Sein Kreuz ist sein Projekt. Sich selbst, seine Bibel zu den Völkern, zu den Heiden, zu den Römern zu bringen, das kann und will er niemand anderem aufladen. Das hat er nie getan in seinem Leben, und das tut er auch am Ende nicht. Denn: Anderen Lasten aufladen entlastet nicht. Sie selbst zu tragen macht stark.