Sprechende Mauern

Georg Sporschill SJ

Was sagen uns die historischen Monumente, die Kasernen und die neuen Paläste?

Jesus antwortete ihm: Ich habe offen vor aller Welt gesprochen. Ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen. Nichts habe ich im Geheimen gesprochen.

Joh 18,20

Eine mächtige Kirchenburg thront über dem transsilvanischen Dorf Hosman, das bei den Siebenbürger Sachsen Holzmengen heißt. Sie bauten im 13. Jahrhundert diese große Kirche, die Petrus und Paulus geweiht ist. Das zeigen die Reliefs am romanischen Portal. 1456 ließ Fürst Vlad Dracul das Sachsendorf niederbrennen, die Pfarrei verödete. Ab dem 15. Jahrhundert zogen die Türken auf dem Weg nach Wien durch Siebenbürgen und verwüsteten die Dörfer. Die Sachsen befestigten die Kirche mit einer hohen Ringmauer samt Schießscharten und sechs Türmen sowie einem Fallgitter, das heute noch besteht. Bei Gefahr zog sich die Dorfbevölkerung in die Kirchenburg zurück, ernährte sich von den im „Speckturm“ gelagerten Lebensmitteln und überstand die Angriffe. Fest wie ihre Burg wurde auch der Zusammenhalt. Vierhundert Jahre lang waren die Siedler römisch-katholisch, ab der Reformation vierhundert Jahre evangelisch. Im Jahr 1852 geschah in Holzmengen etwas Einmaliges. Der evangelische Pfarrer war lieber im Wirtshaus beim Kartenspiel als bei den Seelen in seiner Gemeinde. Sie baten ihn um mehr Zuwendung, klopften beim Bischof in Hermannstadt an, alles vergebens. So machten sie ihre Drohung wahr: Sie wurden katholisch. Woraufhin der Bischof den Holzmengenern eine kleine Kirche mit Pfarrhaus und Schule erbauen ließ. Ein katholischer Priester betreute die abtrünnige evangelische Gemeinde. Durch die mutige Aktion der unzufriedenen Gläubigen steht in Hosman neben der stolzen evangelischen Kirchenburg eine kleine katholische Kirche, eine Seltenheit in transsilvanischen Dörfern.

Nach der Auswanderung der Siebenbürger Sachsen in den letzten Jahrzehnten wurde Hosman von orthodoxen Rumänen bevölkert, unter ihnen die rasch anwachsende Roma-Minderheit. Beide Kirchen stehen leer und verfallen. Wieder braucht es mutige Stimmen, um sie zu beleben. Dieses Jahr werden wir die katholische Kirche mit Nebengebäuden renovieren und ein „Sozialzentrum Kirche“ eröffnen – mit Gebetsraum, Ausspeisung, Waschküche, Arztpraxis und einer Wohnung für Roma-Familien.

Die Kirche von Holzmengen erzählt eine dramatische Geschichte, genauso wie es die Synagoge und der Tempel zur Zeit Jesu taten. Heute ist der Tempelberg in Jerusalem der sensibelste Punkt in der Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern. Dort, „wo alle Juden zusammenkommen“, diskutierte Jesus in aller Öffentlichkeit seine Anliegen. Nicht im Geheimen, sondern in aller Öffentlichkeit suchte er den „neuen Weg“. Die Kirche sollte neben der Synagoge aufgebaut werden. Vielleicht so wie die Moscheen heute im christlichen Abendland wachsen und zu öffentlichen Diskussionen führen.

Die Kirchenburg in Hosman hat zu allen Zeiten eine Botschaft, genauso wie die kleine Schwesterkirche im Dorf, die nun zum Sozialzentrum wird. Was sagen uns die historischen Monumente, die Kasernen und die neuen Paläste?