Spannungsfelder

Ruth Zenkert

Aus welcher Welt stamme ich? Woher schöpfe ich meine Kraft? Wo gehöre ich heute dazu?
Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben.
Johannes 15,19a

„Inima de Ziganca“ – vom Herz der Zigeunerin – singen die Kinder gerade, als ein kleiner Erdklumpen durchs offene Fenster ins Zimmer saust. Die Musiker sind so konzentriert, dass sie es gar nicht bemerken. Es ist ein kleines Hauskonzert, bei dem unsere besten Schüler und Schülerinnen stolz zeigen, was sie gelernt haben. Von draußen ist immer lauter werdendes Rufen zu hören. Jetzt geht ein Volontär hinaus, um zu sehen, wer uns stört. Elena steht am Hoftor und fuchtelt wütend herum. Sie ist eine Tante oder Großtante von Ioana. Ioana solle herauskommen, sie müsse auf der Stelle nach Hause. Unser Mitarbeiter versucht, ihr zu erklären, dass das Singen in einer Viertelstunde zu Ende sei, dann käme das Mädchen. „Nein! Jetzt sofort, ich bleibe hier stehen, bis sie kommt!“. Wütend stampft sie den Fuß auf den Boden. Die Arme wird geholt und geht mit hängendem Kopf hinter der Alten her, nur einige Häuser weiter. Dort haust eine bunte Großfamilie mit wechselnder Belegschaft, Omas tauchen auf, Onkel tauchen unter. Ioana lebt mittendrin, ihre Mutter ist irgendwo in Frankreich, der Vater in Spanien. Keiner im Haus kümmert sich wirklich um sie, dadurch ist sie ziemlich selbständig geworden. Als wir vor zwei Jahren ins Dorf kamen, war sie eine der Ersten, die bei unserer Musikschule mitmachten. Sie ist jeden Tag bei uns, hat neue Freunde gefunden und geht wieder öfters zur Schule. Wir sind für sie Familie geworden, wo sie festen Halt findet und Neues entdeckt, das sie begeistert. Ioana verdankt ihrer Familie, dass sie ein Zuhause und zu essen hat. Sie will aber auch zu uns, wo sie eine Zukunft findet. Das macht ihr Probleme. Wo gehört sie hin?

„Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben.“ So drückt Jesus einen solchen Konflikt aus. Die Welt, von der Jesus hier spricht, ist das Judentum. Es ist die Welt, in der er selbst aufgewachsen ist, die ihn stark gemacht hat, die sein Denken und seinen Glauben bestimmt. Von dieser Welt trennt er sich, um eine eigene Welt aufzubauen, dazu sucht er Schüler und Mitarbeiter. Das neue Werk wird seine Herkunft nicht auslöschen, sondern soll Menschen einladen, sich für andere einzusetzen. Jesus macht seinen Schülern klar, dass die neue Gründung zu Spannungen führen muss. Sie können die Konflikte nur überwinden, wenn sie wissen, wo sie hingehören. Aus dieser Geborgenheit schöpfen sie Kraft, in die Welt hinauszugehen.

In dem Spannungsfeld von alten und neuen Welten stecken wir alle. Oft stehen sich die Herkunfts- und eine neu gegründete Familie gegenüber. Jedes junge Paar kennt das schwierige Verhältnis zwischen der Familie der Eltern und seiner neuen Familie. Nicht zufällig trägt ein Kaktus mit großen Stacheln den Namen Schwiegermuttersitz. Wenn aber die Jungen sich für ihre Zusammengehörigkeit entscheiden, dann lernen sie, mit beiden Familien umzugehen; aus der ersten Kraft zu schöpfen und diese Liebe in die neue einzubringen.

Ioana möchte zu uns gehören. Noch aber ist sie hin- und hergerissen.

Aus welcher Welt stamme ich? Woher schöpfe ich meine Kraft? Wo gehöre ich heute dazu?