Sie wissen es

Max Heine-Geldern SJ

Die Zukunft ist ungewiss. Die Gegenwart nicht. Mit wem bin ich unterwegs?

„Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“

Gen 4,9

Sie wissen es. Es ist nicht zu übersehen. Jugendliche hängen in den Wohnsiedlungen herum. Sie sprayen Graffiti, handeln mit Drogen, beschießen sich. Mitten darin befindet sich die kleine Pfarrkirche Dolores Mission. Sie zählt zu den ärmsten Pfarren von Los Angeles. Ein heiliger Rückzugsort für viele Bewohner. Wieder ein junger Toter auf dem Gehsteig. Kopf und Oberkörper sind mit einem Tuch bedeckt. Seine weißen Socken und blauen Nikes zeichnen ihn als Homie aus. Er war aber kein Mitglied einer der neun Gangs des Bezirks. Neben der Leiche steht Pam, ein Pfarrmitglied. Sie weint und stammelt: „Ich weiß nicht, wer das Kind ist, aber er ist sicher der Sohn einer Mutter.“ Die Mütter der Pfarre beginnen sich zwischen verfeindete Gruppen zu stellen, die dabei sind aufeinander loszugehen. Sie beten und singen bis die Homies auseinanderziehen. Im obersten Stockwerk der Volkschule der Pfarre werden Unterrichtsräume für schulpflichtige Gangmitglieder errichtet. Manche Lehrer kündigen nach einem Tag, andere bleiben länger. Mit der Zeit wandelt sich das Pfarrgelände zum Rückzugsort der Gangster. Selbst auf dem Glockenturm posieren sie lässig. Homies aus den verschiedensten Gangs treffen hier aufeinander, ohne Schusswechsel. Es ist ihr gemeinsamer heiliger Boden.

Sie wissen es. Es ist nicht zu übersehen. Mexikanische Einwanderer schlafen auf den Straßen. Ende der 80er Jahre werden es immer mehr. Kurzerhand wird der Kirchenraum nachts zum Rückzugsort für 50 – 100 Obdachlose umfunktioniert. Morgens müssen sie hinaus, erhalten Essen am Kirchenplatz und können sich dort aufhalten. Innen wird alles für den Gottesdienst geputzt. Doch weder Duftkerzen noch Weihrauch können den scharfen Hauch von Fußgeruch übertünchen. Für die Feiernden wird er mit der Zeit zum Wohlgeruch.

In jenen letzten Jahren der 80er ist Dolores Mission kaum wiederzuerkennen. Gangmitglieder gehen ein und aus. Anonyme Alkoholiker treffen sich regelmäßig in den Pfarrräumen, Obdachlose übernachten im Kirchenraum. Nicht alle Pfarrmitglieder sind von dieser Entwicklung begeistert. Die klare Grenze zwischen Gut und Böse scheint zu verfließen. Wie weit soll dieses Miteinander gehen?

Er weiß es. Das Blut klebt noch auf seinen Händen. Er lügt und will sich aus der Verantwortung stehlen. „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Kains Reaktion ähnelt der seines Vaters Adam: „Die Frau, die Du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen.“ (Gen 23,12). Beide versuchen auf subtile Weise die Verantwortung auf Gott zu schieben. Ist er nicht Schöpfer und Hüter von allem? Warum hat er Abel nicht vor mir bewahrt? Hättest Du nicht eingreifen können, oder ist Deine Allmacht begrenzt? Kain merkt in seinem Trotz wieder nicht, dass sich Gott ihm zum zweiten Mal direkt zuwendet. Dass er ihn vielmehr finden als bestrafen will. Doch Kain widersetzt sich der erbarmenden Allmacht Gottes, die über die Sünden der Menschen hinwegsieht, damit sie sich bekehren (Weisheit 11,23).

Ich weiß nicht, wie die Welt in einigen Monaten sein wird. Ich habe es nie gewusst. Aber Kains Antwort schillert heute lauter in mir. Unwissend möchte ich mich nicht mehr stellen. Dafür war die Erfahrung in Dolores Mission zu wertvoll. Diese unscheinbare Kirche mitten in East L.A. wurde zur Mutter für ihre gezeichneten Kinder. Sie geht seit 40 Jahren mit ihnen, übersieht ihre Sünden, bekehrt sich mit ihnen, schiebt ihre Verantwortung nicht ab. Heilsam, wie weit dieses Miteinander gehen kann.