Sensible Kraft

Max Heine-Geldern SJ

Niemand wünscht sich eine persönliche Krise. Auch wenn sie das Beste sein kann, was einem passiert.

Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war.

Joh 20,15

Wenn Benjamin den Raum betritt, schlagen die Frauenherzen höher. Mit seinem charmanten Lächeln und seiner positiven Aura ist er ein willkommener Gast im Jugendzentrum. Aufgaben übernimmt er gerne, ohne sich dabei in den Mittelpunkt drängen zu müssen. Seine Leidenschaft ist die Musik. Berühren seine Finger die Tasten des Klaviers, taucht er in eine andere Welt ein, tritt aber gleichzeitig in einen Dialog mit seiner Umgebung. Seine Kunst kann wahrlich verzaubern. Selten bin ich einem so sensiblen Menschen begegnet.

Benjamin ist aber kein verklärter Träumer. Er steht voll im Leben, ist ehrgeizig und versucht Schritt für Schritt, seine Karriere als Journalist aufzubauen. Eine tiefe Sehnsucht nach Unabhängigkeit und Absicherung treibt ihn an. Um all seine Interessen unter einen Hut zu bekommen, arbeitet er viel.

Vergangenen Advent begann mir sein voller Kalender Sorgen zu machen. Auch wenn er weiterhin stets lächelte, verriet ihn seine Musik. Sie begann oberflächlich, wie abgespult zu klingen. Wie froh war ich, als Benjamin eines Abends tief Luft holte und mir eröffnete, dass er völlig neben der Spur sei. Alles, was ihm bisher Freude bereitet hatte, ließ ihn kalt. Weder Arbeit noch Sport oder Musik konnten ihn innerlich erfüllen. Er klammerte sich an seine Disziplin, wollte die Krise in den Griff bekommen. Und genau das machte ihn verrückt. Er sah keinen Auslöser für sie. Wie aus dem Nichts war sie in sein Leben geplatzt und hinterfragte es. „Am liebsten würde ich einfach wieder Klavier spielen können, mir einen guten Film ansehen und chillen – so wie früher“, stammelte Benjamin mit leerem Blick vor sich hin.

Der plötzliche Tod Jesu stürzt Maria von Magdala in eine tiefe Krise. Sie will und kann sich noch nicht von ihrem Freund trennen. Er hatte sie von Abhängigkeiten befreit, ihr Sicherheit geschenkt. Seine Liebe scheint mit ihm begraben worden zu sein. Nichts ist mehr da, um Halt zu geben. Wie erschütternd muss diese Leere für sie sein! Sie kehrt dem Grab den Rücken zu, um das Verlorene zu finden. Doch ihr Blick hält noch Ausschau nach dem Greifbaren.

Benjamins Schilderungen begannen sich im Kreis zu drehen. „Es ist das Beste, was dir passieren konnte“, warf ich ein. Seinen verdutzten Blick werde ich so schnell nicht vergessen. „Das ist ja wohl die verrückteste Reaktion, die ich bisher gehört habe.“ Und da blitzte sein charmantes Lächeln wieder auf. Er wagte es, die Perspektive zu wechseln, und begann zu spüren, dass seine Sehnsüchte nach Absicherung und Unabhängigkeit mit seinem Erfolgsstreben nicht gestillt werden können. Seine tief ausgeprägte Sensibilität würde ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie würde die Oberflächlichkeit seiner Versuche, „Herr der Lage“ zu werden, immer wieder neu aufdecken und erneut Leere hinterlassen. Die Krise wies Benjamin auf seine stärkste Kraft hin: seine Sensibilität. Ihre volle Bedeutung für sein eigenes Leben zu erkennen wird nicht von heute auf morgen möglich sein. Dafür wird Benjamin Zeit und vor allem Mut brauchen, bisher Bewährtes loszulassen.