Schwellenangst und der Mut zu springen

Max Heine-Geldern SJ

Zwischen Bekanntem und Neuem liegt eine Schwelle. Ein Ort zwischen Angst und Faszination des Unbekannten. Ein Prüfstein des eigenen Vertrauens.

Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein.

Joh 20,5

Voller Begeisterung und Lebensfreude engagierte ich mich neben meinem Architekturstudium für die Jugendbewegung „Chili Concordia“. Unser Ziel war es, „Wien auf den Kopf zu stellen“. Dafür suchten wir uns Inspiration bei wöchentlichen Bibeltreffen und setzten uns sozial in unserer Umgebung ein. Die Gruppe war ein bunter Haufen von Studenten aller Fachrichtungen, Asylbewerbern, Menschen mit Behinderung, arbeitenden jungen Erwachsenen. Durch diese Menschen und unsere Einsätze lernte ich meine Heimatstadt neu kennen. Aber nicht nur der Blick auf meine Umgebung, auch der auf mich selbst veränderte sich. Immer stärker spürte ich, wie sehr mich das Engagement mit und für Chili Concordia erfüllte und mir half, innere Schwellen zu überwinden. Alte Bekannte zu einer Bibelrunde einzuladen war mir zunächst alles andere als angenehm. Dann noch vor anderen über die Bibel und den Glauben zu sprechen schien mir unmöglich. Hin und wieder vergeblich auf andere zu warten, auf sie zu bauen und schließlich alleine dazustehen ließ mich innerlich kochen. Und schließlich wegen der anderen das eigene Tempo zu bremsen – eine Geduldsprobe. Und doch lief ich für die Sache.

Johannes eilte voraus. Viel hatte er mit Jesus erlebt und dabei sicherlich öfters über seinen eigenen Schatten springen müssen. Die Nachricht der Frauen aber, das Grab Jesu sei leer, sprengte seine Vorstellungskraft. Er musste es mit eigenen Augen sehen. Bis ans Grab lief er voraus – an der Schwelle aber verharrte er. Blickte von außen hinein.

Zusammen mit den Jugendlichen von Chili Concordia wollte ich Wien verändern. Dafür gab ich viel. Meine Freunde klopften mir voller Bewunderung auf die Schultern. Außer Pater Georg Sporschill. Nach einem längeren Gespräch über meinen Einsatz standen wir an der Türschwelle seines Büros. Völlig unvermittelt fragte er mich: Wann springst du? Im ersten Augenblick empfand ich seine Frage als unnötige Provokation. Ich gab doch schon so viel! Und doch nicht alles. Denn ich versuchte meine bisherige Lebenswelt mit der, die ich durch Chili Concordia in mir und um mich entdeckte, in Harmonie zu bringen. Letztlich wagte ich mich nicht aus meiner „Comfort zone“, sondern versuchte das Neue ins bekannte Umfeld hineinzuzwängen. Obwohl ich gerade durch diese mir neue Welt so viel an Lebensfreude geschenkt bekam. Doch sie ängstigte mich ebenso, wie sie mich faszinierte. Ich wusste, ich müsste viel Liebgewonnenes zurücklassen. So verharrte ich an der Schwelle, blickte von außen auf sie, war aber nicht Teil von ihr. Die Frage des Jesuiten gab mir schließlich die Kraft, über die Schwelle in eine neue Lebenswelt zu treten, die immer wieder meine Vorstellungskraft sprengt. Und so bleiben die Worte von damals noch heute in mir lebendig – nicht mehr als Provokation, sondern vielmehr als ein herausforderndes Zutrauen, das mir Mut macht.