Schweigen oder Reden

Georg Sporschill SJ

Welche Macht ist größer?

Da sagte Pilatus zu ihm: Du sprichst nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich freizulassen, und Macht, dich zu kreuzigen?
Joh 19,10

Gerade hatte ich Armando schlafen gelegt, das war meine letzte Aufgabe als sein Taufpate. In der orthodoxen Kirche war er an Stirn, Händen und Füßen mit wohlriechendem Öl gesalbt und dann ganz in warmes Wasser eingetaucht worden. Alles hatte er geduldig über sich ergehen lassen und jetzt war er müde. Die Festfamilie war im Hof und tanzte, schöne junge Roma-Mädchen und fesche Burschen. Ein Platzregen vertrieb uns unter das kleine Vordach. Eng zusammengedrängt saßen wir da und plauderten. Da brach ein Fremder herein, ein Österreicher mit Begleitung, und setzte sich dazu. Er begrüßte mich, redete aber kein Wort mit mir. Ich ahnte, wer er war. Seit Tagen trieb er sich in unserer Gegend herum und suchte als Wissenschaftler Fakten über Roma. Wochen später erhielt ich ein langes Mail mit Fragen, wie man sie einem Schüler stellt, durchnummeriert und etwas barsch formuliert, Fragen an den „Fachmann für Roma-Fragen“ mit „Vor-Ort-Kompetenz“. Eine wohlwollende Absicht war nicht herauszulesen. Da ich das Zusammenleben mit Roma als ein Grundprinzip vertrete, wolle er wissen, wie viele Roma in meinem „geräumigen Haus“ wohnten und ob diese, „soweit sie nicht von Leistungen Ihrer Projekte abhängig sind, ein solches Zusammenleben wünschen“. Als würden die zwölf und mehr Bewohner in unserem Haus eingesperrt leben! Da der Herr bei unserer Tauffeier uneingeladen mit mir am Tisch gesessen und kein Gespräch gesucht hatte, beantwortete ich seine schriftlichen Fragen nicht. Ich nahm an, dass er gar nicht damit gerechnet hatte. Oh doch, es folgte bald ein weiteres Mail mit denselben Fragen und dem Zusatz, dass er eine Veranstaltung einberufe, um seine Recherchen darzustellen. Dazu brauche er Informationen vom Roma-Spezialisten. Wahrscheinlich, um zu allem, was ich sagte, das Gegenteil beweisen zu können.

Das Machtverhältnis im Gegenüber von Pilatus und Jesus täuscht. Pilatus erscheint als allmächtig, wenn er dem Gefangenen die rhetorische Frage stellt: „Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich freizulassen, und Macht, dich zu kreuzigen?“ Und doch erweist sich Jesus als mächtiger als sein Richter. Er bezieht Souveränität nicht aus der äußeren Welt, sondern von innen, aus seiner Überzeugung, aus seinem Gewissen. Ähnlich wie Franz Jägerstätter, als er den Kriegsdienst verweigerte. Die damalige Übermacht hat sich aufgelöst, das Schweigen des Pazifisten wirkt heute noch.

Die Macht, die zerstören will, kommt von unten, die Macht, die den Frieden sucht, kommt von oben. Wenn die Absichten so unterschiedlich sind, ist ein Gespräch kaum mehr möglich. Jesus schweigt und entlarvt auf diese Weise die innere Machtlosigkeit des äußerlich so Großen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass bei allen momentanen Widerwärtigkeiten die gute Absicht, die Macht von oben, sich durchsetzt. Bis dahin ist Schweigen angesagt. Der Wissenschaftler war dem direkten Gespräch aus dem Weg gegangen. Seine schriftlichen Fragen aber verrieten seine uneingestandene Absicht, unserem Werk zu schaden. In solchen Fällen ist es besser, ein Gespräch zu verweigern.