Schrittweise begreifen

Josef Steiner

Neues denken und Neues verstehen, das braucht seine Zeit. In welchen Lernprozessen stehe ich?

Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.

Joh 21,4

Rabbi Israel ben Elieser, der Begründer der spirituellen jüdischen Bewegung des Chassidismus, war in seiner Jugend Schuldiener und Kinderlehrer. Zeitweilig arbeitete er als Fuhrmann bei seinem Schwager. Und eine Zeitlang übte er im Dorf Koschilowitz den Beruf als Schächter aus. Eines Tages, so berichtet Martin Buber in seinen chassidischen Erzählungen, befiel im benachbarten Städtchen Jaslowitz zwei Söhne des dortigen Rabbis – einer siebzehn, der andere elf – ein unbändiges Verlangen, den Schächter in Koschilowitz aufzusuchen. Den Grund wussten sie nicht, deswegen konnten sie ihn auch niemandem mitteilen. Heimlich brachen sie zu Israel ben Elieser auf und blieben einige Zeit bei ihm. Daheim vermisste man sie, dann fand man sie in Koschilowitz und brachte sie wieder heim. „In seiner Freude unterließ der Vater tagelang, sie auszuforschen. Endlich fragte er sie gelassen, was sie denn so Großes an dem Schächter in Koschilowitz gefunden hätten. ,Auszumalen ist das nicht`, antworteten sie, ,aber du magst uns glauben, dass er weiser als die ganze Welt und frömmer als die ganze Welt ist.`“ Sie erahnten die verborgene und erst spurenhaft sich andeutende Tiefe dieses einen so besonderen Beruf ausübenden Mannes. Später schlossen sich beide Jugendliche dem inzwischen zu einem großen Rabbi und berühmten Lehrer gewordenen Schächter an und wurden seine wichtigsten Schüler und Überlieferer der chassidischen Bewegung.

Auftrag und Werk Jesu, die Bibel zu den Völkern zu bringen, weil sie für alle Menschen einen gangbaren Weg birgt, ist etwas Neues. Sie nicht sofort zu verstehen und in ihren tiefen Dimensionen zu begreifen, ist dem Werk Jesu eingestiftet. Es ist kein böser Wille oder Dummheit, wenn von allen in diesem Prozess Involvierten so oft von Nichtwissen und Nichtverstehen die Rede ist. Das ist Ausdruck eines Lernprozesses und einer intensiven Suchbewegung. Vor allem die Verantwortlichen in Religion und Politik und ihre engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind davon betroffen. Die Verantwortlichen, die ihren Weg in der Nachfolge Mose und seiner Weisungen gehen, gestehen sich ein, dass sie nicht wissen, woher Jesus Freiheit und Kraft zu seinen autoritativen Reden hat. Seine engsten Schülerinnen und Schüler verstehen oft seine Gleichnisse, seine Reaktionen und vor allem seine Worte nicht, wenn er von seiner Zukunft und seiner Auferweckung und seinem Weg zum Vater spricht. Nichtwissen, Nichtverstehen begleiten von Anfang an ihr Lernen mit ihm.

Das bleibt auch so nach der Katastrophe, nach Jesu Tod. Wie soll es weitergehen? Zwar lichtet sich für die verbleibende kleine Schülerschar die Nacht. Umrisshaft, schemenhaft, fern am Ufer tritt aus dem Dunkel eine Gestalt in ihr Leben. Es ist Jesus, er lebt. „Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.“ Ein neuer Lernprozess, mit ihm in veränderter Weise sein Werk weiterzuführen, steht bevor. Neues denken und Neues verstehen, das braucht seine Zeit. In welchen Lernprozessen stehe ich?