Schreihals oder Verkünder?

Ruth Zenkert

Neugier und ein Schritt hin zum Fremden können Aggressionen abbauen.

Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben.

Johannes 16,3

Die Ferien im Sommerlager gingen zu Ende. Alle packten ihre Rucksäcke und fuhren von der Türkei zurück nach Rumänien. Nur Moise und Iulian durften länger bleiben. Mit ihnen machten wir uns auf Richtung Osten. Wir landeten in Eğirdir, einem malerischen kleinen Städtchen an einem dunkelblauen See. Wir fanden eine Unterkunft, wo wir mit unseren Schlafsäcken auf dem Dach schlafen konnten. Ein herrlicher Ausblick, kühle Bergluft am Abend, frische Fische – es war paradiesisch. Müde von der Reise gingen wir früh schlafen. Um drei in der Nacht erwachte ich von einem Trommeln, das immer lauter wurde. Ich schaute hinunter auf die Gassen und entdeckte einen Mann, der auf einer großen Trommel kunstvolle Rhythmen schlug. Er ging an allen Häusern vorbei, dann war Stille. Nicht lange, denn jetzt begann der Muezzin zu beten. Die Lautsprecher der Moschee waren direkt auf unser Dach gerichtet. Nun waren alle wach. Moise und Iulian überboten sich gegenseitig in Schimpftiraden über den „verrückten Trommler und den Schreihals“, die ihren wertvollen Schlaf gestört hatten. Zum Frühstück kamen sie spät, sie mussten ausschlafen nach dieser unruhigen Nacht. Am Mittag saßen meine beiden Begleiter am Haustor. Sie hatten gepackt und wollten keine weitere Stunde mehr im „Land der Muselmanen“ verbringen.

Es war Ramadan, der Fastenmonat. In dieser Zeit weckt der Trommler – ein Roma –alle auf, damit sie vor Sonnenaufgang, solange es noch erlaubt ist, etwas essen und dann zum Gebet in die Moschee kommen. Es gelang mir, Moise und Iulian zu überzeugen, in der kommenden Nacht aufzustehen und zu beobachten, wie unsere Nachbarschaft in die Moschee strömte. Als der Trommler in der Nacht zu hören war, quälten wir uns aus den Schlafsäcken und gingen ihm nach. Vor der Moschee waren schon viele Männer in festlichen weißen Gewändern versammelt. An vielen Wasserhähnen nahmen sie die rituellen Waschungen vor. Der Muezzin begann zu rufen. Durch das Tor konnten wir sehen, wie sich die Männer verbeugten, niederknieten, aufstanden, niederknieten, die Hand ans Ohr legten, murmelten. Auch wenn wir nichts verstanden, waren wir mit den Gläubigen wie in eine Wolke eingehüllt. Es wurde langsam hell, das Gebet war zu Ende. Draußen fragten uns einige, aus welchem Land wir kämen. Sie freuten sich sehr über unser Interesse an der Religion und luden uns zu ihren Familien ein. Moise und Iulian waren die ersten, die mitgingen. Keine Rede mehr von Abreise.

Viele Zeitgenossen verstanden das Anliegen Jesu nicht. Er wollte die Fremden aufwerten und zu Mitarbeitern Gottes machen. Dadurch sahen die religiösen Autoritäten ihre Macht gefährdet, sie wurden immer aggressiver gegen ihn. Jesus hatte Verständnis dafür und erklärte seinen Schülern: „Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben.“ Wer einen neuen Weg geht, stößt auf Ablehnung. Neugier und ein Schritt hin zum Fremden können Aggressionen abbauen. Als Moise und Iulian mit den Gastgebern ins Gespräch kamen, wurde aus dem, den sie vorher als Schreihals gesehen hatten, ein Verkünder.