Schöpfung – Raum für den Anderen

Max Heine-Geldern SJ

Wofür setze ich meine Kreativität ein?  

„Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.“

Gen 1,1

Hinter zwei Körben blickten mich freundliche Augen an und riefen mich unmissverständlich auf, mich nützlich zu machen. Die Last aufgeteilt balancierten wir den rutschigen Boden hinab zum Hühnerstall. Während Vroni das Futter ausstreute, sprach sie fröhlich vor sich hin. Ob zu den Hühnern oder zu mir war nicht ganz eindeutig. Meine Führung durch das Waldhüttl, einem Gehöft am Stadtrand von Innsbruck, hatte begonnen.

Kaum waren wir zurück beim Haupthaus trat Jussuf aus dem Stall. Bilderbuchmäßig stand er da in Latzhosen und Heugabel. Nur seine Nickelbrille verriet, dass er hier nicht seinem Hauptberuf nachging.

Vroni und Jussuf sind stadtbekannt. Liebevoll wird das Ehepaar „das Gewissen Innsbrucks“ genannt. Vor Jahrzehnten hatte Jussuf das erste offene Jugendzentrum für Lehrlinge gegründet, arbeitete danach als Entwicklungshelfer in Brasilien, leitete das Innsbrucker Integrationshaus der Caritas und begleitete viele Seelen im Gefängnis. Er kennt die Folgen systematischer Ausgrenzung.

Mit einem herzlichen Grinser übernahm er mich. Wir traten in das Vorzimmer, wo vergilbte Bilder junger Gesichter hängen. Schon in den dreißiger Jahren war das Waldhüttl ein Ort des Widerstandes gegen den Zeitgeist. Viele von ihnen gaben dafür ihr Leben.

Wir erklommen die knirschende Holztreppe. Süßer Duft brutzelnden Teiges erfreute meine Nase. Anna bereitete gerade mit einer slowakischen Freundin Palatschinken vor. Die junge Köchin erwartete ihr zweites Kind. Wie die meisten Bewohner des Hauses ist sie eine Roma. Im Integrationshaus war Jussuf vielen von ihnen begegnet. Er wusste, dass zahlreiche Roma in Autos hausten. Vor sechs Jahren machten sich Vroni und er auf die Suche nach einem festen Dach für sie. Vom Stift Wilten erhielten sie kostenfrei das Waldhüttl. Hier schufen sie Raum für mehrere Familien und Menschen, die aus verschiedensten Gründen ausgegrenzt werden.

Wir schlüpften durch eine niedrige Holztüre hinein in die weiträumige Kulturscheune. Das wunderbare Gebälk verkündete zusammen mit den Girlanden färbiger Glühbirnen und den herumliegenden Instrumente Feststimmung. In diesem herrlichen Ambiente thronte ein niegelnagelneuer Leiterwagen. Ihn hatte Annas Mann Adrian für ihren gemeinsamen Sohn geschaffen. Er sollte wissen, welches Handwerk seine Familie seit Generationen tradierte.

An Pizzaofen und Gulaschkanone vorbei ging es weiter zum Gemeinschaftshaus. Doch bevor wir eintreten sollten, riss etwas meine Aufmerksamkeit an sich. Ein riesen Tipi stand mitten auf der Wiese und sog mich auf. In Sekundenschnelle war ich ein kleiner Junge voll Abenteuerlust und Fantasie. Wahrlich, im Waldhüttl ist der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Jeder Winkel lädt zur Begegnung ein.

Im Wohnraum nahmen wir Platz in einer mit Teppichen ausgelegten Nische. Sie dient als Kapelle. Es war 19 Uhr. Langsam trudelten andere Hausbewohner und Freunde ein. Das Abendgebet begann. Ein Roma spielte auf der Geige, Anna sang. Wir hörten einen Psalm, dann folgten persönliche Gebete. In einer entwaffnenden Kindlichkeit wandten wir uns an Gott. Dankbar erinnerten wir uns, dass er Ursprung von allem ist. Dass er mit Himmel und Erde einen Raum für die Begegnung mit dem Anderen, mit dem Nicht-Göttlichen, mit uns geschaffen hat.