Schlicht. Elegant. Bekennend.

Josef Steiner

Kleider geben Auskunft über Charakter und Wertorientierung eines Menschen. Welche trage ich?

Sie sagten zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. Dies führten die Soldaten aus.
Joh 19,24

Rabbi Levi Jizchak von Berditschew – so erzählt Martin Buber in seiner Sammlung chassidischer Geschichten – und sein Schüler Ahron waren auf einer Reise und verbrachten als Gäste einige Tage in Lisensk bei dem großen Rabbi Elimelech. Als der Berditschewer – so nannte man Rabbi Levi Jizchak – weiterfuhr, blieb sein Schüler in Lisensk, setzte sich in die „Klaus“, das Bet- und Lehrhaus Rabbi Elimelechs, und lernte dort, ohne ihm etwas davon gesagt zu haben. Als Rabbi Elimelech am Abend heimkam, bemerkte er ihn. „Warum bist du nicht mit deinem Rabbi abgereist?“ fragte er. „Meinen Rabbi“, antwortete Ahron, „kenne ich schon, und so bin ich hier geblieben, um auch Euch kennen zu lernen.“ Rabbi Elimelech trat auf ihn zu und fasste ihn am Rock. „Deinen Rabbi meinst du zu kennen?“ rief er, „du kennst noch nicht einmal seinen Rock!“

Nackt und bloß kam Jesus aus Marias Schoß. Windeln, zweimal erwähnt sie die Bibel bei der Geburt Jesu ausdrücklich, umhüllen seine Nacktheit und schenken ihm Wärme, Schutz und Geborgenheit. Jene Dimensionen des Kleides, die der erwachsene Jesus in sein Gewand als Prophet webt. Allein die Berührung von dessen Saum ließ eine Frau, deren Körper nicht in den geregelten Fluss eines Erwachsenen fand, heil werden und aufatmen. Kranke trug man auf die Wege Jesu, damit sie sein Gewand anfassen und die von ihm ausströmenden Heilkräfte spüren konnten. Und als dieses Gewand bei einem Berggottesdienst weiß wie Schnee wurde, wusste Jesus um sein Schicksal in Jerusalem. Weiß ist in der Bibel die Farbe des Totenkleides.

Wenn jetzt die Soldaten Jesu Oberkleid als die ihnen vom römischen Kriegsrecht her zustehende und gerechte „Beute“ unter sich aufteilen und sein Unterkleid verlosen, dann geht es um eine scheinbare Entmachtung von Jesu prophetischer Kraft. Aber nur scheinbar. Gedacht als menschenverachtende Demütigung, Entwürdigung und Erniedrigung, die Jesus mit allen von den Römern Gekreuzigten teilt, wird diese Beraubung zu einer letzten Botschaft des sterbenden Messias. Jesu letztes Hemd kleidet jetzt Soldaten, umhüllt deren heidnische Existenz, deren spirituelle Nacktheit. Sie werden den, von dem sie dieses Kleidungsstück haben, nie mehr vergessen. Ihr Hauptmann wird unter dem Kreuz davon Zeugnis geben. Und der Messias Jesus, nackt und bloß wie bei der Geburt, wird aller Welt sichtbar als „Diener der Beschneidung“, wie es der Apostel Paulus später ausdrücken wird. Die Tradition in der darstellenden Kunst hat im Laufe der Geschichte durch Verhüllung diese Botschaft des nackten Jesus in einfühlsame und diskrete Wahrnehmung gefasst. Es bedarf guter und gütiger Augen, das zu sehen.

Kleider geben Auskunft über Charakter und Wertorientierung eines Menschen. Das Kleid des Rabbi Levi Jizchak ebenso wie das Kleid Jesu.