Scheinheilig! Wirklich?

Max Heine-Geldern SJ

Riten geben unserem Leben Struktur und Halt. Sie erinnern uns an tief liegende Hoffnungen und können damit Wegbereiter zu deren Erfüllung werden.

Weil Rüsttag war und die Körper während des Sabbats nicht am Kreuz bleiben sollten, baten die Juden Pilatus, man möge den Gekreuzigten die Beine zerschlagen und ihre Leichen dann abnehmen; denn dieser Sabbat war ein großer Feiertag.
Joh 19,31

Mein erstes Weihnachten fern meiner Familie war ein Wechselbad der Gefühle. Es begann mit dem vergeblichen Warten am Busbahnhof auf unsere „Katze“, jene Frau, die unermüdlich trotz ihres Alters das Sozialzentrum in Bukarest putzte. Es war bitterkalt. Im warmen Sozialzentrum feierten schon die Jugendlichen, die sonst auf der Straße hausten. Ein Gefühl von Einsamkeit machte sich in mir breit. Was für ein Beginn der Heiligen Nacht. Die Frau kam nicht; ich wartete am falschen Bahnhof. Zurück im Zentrum war das Fest schon in vollem Gange. Die Stimmung war fröhlich und rau. Plötzlich brach zwischen zwei Jugendlichen eine Schlägerei aus. Pater Georg Sporschill sprang dazwischen und riss die Streithähne auseinander. Meine romantisierenden Vorstellungen von Weihnachten mit den Armen lösten sich in Luft auf. Innerlich sehnte ich mich schon nach der anschließenden Christmette im „auserwählten“ Kreis der Volontäre und einzelner Jugendlicher mit dem Pater. Davor sollte ich noch eine Mitarbeiterin nach Hause fahren, ans andere Ende der Stadt. Danach huschte ich in die Kapelle, wo die Christmette bereits begonnen hatte. Ich wollte mich nur noch in die mir vertraute Liturgie fallen lassen. Aber irgendetwas hatte in der Zwischenzeit die Stimmung zum Kippen gebracht. Alle waren angespannt. Und doch wurde mit eiserner Miene die Form gewahrt und die Liturgie gefeiert. In meine innerliche Enttäuschung über den Abend mischte sich Wut: Selbst hier herrschte Scheinheiligkeit! Alle Worte und Gesten sprachen von Frieden, doch wo war er? Hatten wir durch die strikte Befolgung der Liturgie nicht ihr eigentliches Ziel verfehlt? Wäre es nicht sinnvoller gewesen, abzubrechen?

Mit der Bitte, den Leichnam vom Kreuz zu nehmen, erfüllten die Juden ihr Gesetz: Kein Gehängter darf über Nacht draußen bleiben, er muss begraben werden. Selbst als Toter gilt er als Verfluchter, seine Anwesenheit verunreinigt das Land. Auf solch einem Boden kann kein Heil geschehen, was das Ziel der Erfüllung des Gesetzes ist. Mit welch bitterer Ironie zeigt der Evangelist auf, wie die strikte Befolgung des Kultes aber gerade das verfehlt! Sieht er doch in Jesus die Erfüllung des Gesetzes.

Nach der Christmette verschwand Pater Sporschill in seinem Zimmer. Wir zogen uns in unseren Gemeinschaftsraum zurück, tauschten Geschenke aus und sangen zusammen mit den rumänischen Jugendlichen. Krampfhaft versuchten wir die Stimmung zu heben. Irgendwie glich auch dieses Geschehen einem Ritual und wirkte auf mich scheinheilig. Während ich mich um meine Enttäuschung drehte, sprangen plötzlich die Rumänen auf, stürmten in das Zimmer des Paters und begannen lauthals zu singen. Mit diesem Ausbruch wurde der Knoten gelöst. Freude und Frieden brach ins Haus ein. In der Christmette hatten wir unsere Hoffnung gefeiert und waren da gewesen, wie wir waren: im Unfrieden. Aber das gemeinsame Aushalten der Feier hatte uns spüren lassen, wie sehr wir der Heilung bedurften. Letztlich war in dieser Nacht nichts scheinheilig, sondern wegbereitend für tiefe Versöhnung.