Schauen, wo etwas wächst

Ruth Zenkert

Wo sprießt Grünes, wo sind Junge? Wachstum kann ich nicht hervorrufen, aber pflegen.

Dann sprach Gott: Die Erde lasse junges Grün sprießen, Gewächs, das Samen bildet, Fruchtbäume, die nach ihrer Art Früchte tragen mit Samen darin auf der Erde. Und so geschah es. … Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag.

Gen 1,11-13

An einem der letzten sonnigen Herbsttage führte mich Angela durch ihre Gärten. Sie ist verantwortlich für unsere Lehrlinge im Gartenbau. Wir begannen oben am Ortsrand beim Kartoffelacker. Drei Mädchen klaubten die letzte Reihe der guten Ernte auf und füllten die Säcke. Dieses Jahr bringen wir den Keller voll, es wird über den Winter reichen. Die kleinen Kartoffeln werden aussortiert, um im Frühjahr wieder gesetzt zu werden. Dann gingen wir den Abhang hinunter, hier wuchs nur Gestrüpp, schlechter Boden voller Steine und Lehm. Im Gewächshaus öffnete sich eine neue Welt. Die Bewässerungsschläuche waren in die gerade gezogenen Furchen gelegt, die Pflanzen an Stützen gebunden; alle waren mit Schildern versehen, die über Sorte und andere Daten Auskunft gaben. Da hingen noch rote Tomaten, prall und saftig. Eine musste ich versuchen, sie schmeckte wunderbar. Die Auberginen wurden eben geerntet, nächste Woche sollten die dicken Krautköpfe rollen, um dann in Salz eingelegt zu werden. Hier wuchsen Minze und Melisse, aus deren Blättern wir jeden Morgen Tee zubereiten. An einem Faden waren Petersilienbüschel zum Trocknen aufgehängt, darunter lag eine Zeitung. Die herausgefallenen Samen würden so für die nächste Saat aufgesammelt werden. Im Garten nahmen zwei junge Frauen von den verwelkten Ringelblumen die Blüten ab, auch hier wurden die Samen für das kommende Jahr entnommen. „Und das“, sagte die Gärtnerin, „ist der Kompost. Er muss ruhen und immer wieder aufgemischt werden. In dem nährstoffreichen Boden bekommen die jungen Pflanzen viel Kraft zum Wachsen.“

Zum Schluss führte mich Angela in den Keller, wo die Regale schon voll waren mit haltbar gemachtem Obst und Gemüse: Tomaten, Gurken, Paprika, Karotten, Marmelade, Säfte – herrlich. Ich bewunderte die vielfältigen und kostbaren Früchte in den Gläsern und Flaschen. Noch mehr als die reiche Ernte freute mich jedoch, wer diese Arbeit geleistet hatte: Mädchen aus den armen und verwahrlosten Familien in unserem Dorf. Ihre Mütter haben nie gesät, gehackt, geerntet. Wo sie herkommen, gibt es keinen Haushalt. Keine ihrer Lehmhütten ist so liebevoll gepflegt und sauber wie unser Gewächshaus.

Ich freue mich über das doppelte Wachstum. Zwei Mal geht der Samen auf: In den Gärten wachsen Pflanzen mit Früchten. Und aus den verwilderten Kindern werden gute MitarbeiterInnen. Beide, die Samen wie die Kinder, brauchen viel Pflege. Wenn unsere Mädchen eine Ausbildung und Zuwendung bekommen, wachsen sie heran zu Frauen, die selbstbewusst ihre Zukunft planen, die eine Familie gründen und ihren Kindern ein Zuhause schenken können. Dann setzt sich der Teufelskreis der Verwahrlosung nicht weiter fort.

Es wachsen die Pflanzen und wachsen die Jugendlichen. Gott sieht, dass es gut ist. Es wird Abend und es wird Morgen am dritten Tag.

Schauen, wo etwas wächst. Wo sprießt Grünes, wo sind Junge? Wachstum kann ich nicht hervorrufen, aber pflegen.